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Wo ist die Zeit hin? Die ersten drei Monate als Ki...

Wo ist die Zeit hin? Die ersten drei Monate als Kitakind-Papa

Einfach mal den halben Tag lang Zeit haben, den eigenen Neigungen nachgehen. Dem Schreiben oder dem Zeitvertüddeln vielleicht. Genauso habe ich es mir vorgestellt, Vater von einem Kitakind zu sein. Wenn man morgens um halb neun sein Kind in liebevolle Betreuungsarme gebracht hat und die Tür hinter einem zugeht, dann müsse sie doch sofort beginnen, diese grenzenlose Freizeit. Klar, einige Stunden würden hier und da für Besorgungen und etwas Erwerbstätigkeit verloren gehen. Da ich aber den Arbeits-Alptraum aller Mütter teile, nämlich die gelebte Teilzeit (wenn auch in Selbständigkeit), würde mir doch bestimmt immer noch genug Zeit zum Vertrödeln übrig bleiben. Dachte ich. Doch leider hat auch der Kita-Tag mindestens drei bis 23 Stunden zu wenig, um wirklich alles erledigt zu bekommen. Läuft da nicht irgendetwas schief? Eine Ausnüchterung.

Man nennt mich manchmal auch den Günter Wallraff des Elternbeirats. Ich gehe nämlich dorthin, wo es bunt wird. Bällebäder, Tobezimmer, Kinderküchen. Wie aber kommt es, dass ich trotz drei Monate Kinderladen noch immer das Gefühl habe, kaum mehr Zeit zu haben als zuvor? Die Betreuungszeit des Ladens beginnt immerhin schon um 8:00h und endet spätestens um 16:00h. Volle acht Stunden für all die ganzen Dinge also, für die man in der Zeit vor der Kita einfach keine Zeit gefunden hätte. Acht Stunden. In dieser Zeit könnte man einen Marathon laufen, eineinhalb „Herr der Ringe“-Filme wegglotzen oder ein ganzes Drittel des 24 Stunden Rennens von Le Mans absolvieren.

Mit der bloßen Aussicht auf fünf freie Vormittage pro Woche sah ich mich vor drei Monaten schon zwei Artikel pro Tag schreiben, tagsüber zwei Stunden Mittagsschlaf machen und mich dann die große Langeweile überkommend, völlig verrückte Ideen ersinnen und in die Tat umsetzen. Zum Frühstück nach Amsterdam fahren, zum Beispiel. Bisher habe ich bloß nichts davon in die Tat umgesetzt. Um halb neun gehen meine Tochter und ich zum Kinderladen. Dann sitze ich vor dem Rechner und schreibe, nun ja, nichts. Der Vormittag ist einfach nicht meine Zeit. War er noch nie. Der Vormittag und ich, wir schleppen uns so durch wie zwei alte Boxer. Meistens zumindest.

Nach dem Kindercafé um 16:00h gehen Tochter und ich gemeinsam wieder nach Hause und gemeinsam veralltagen wir uns gegenseitig mal mit mal ohne Mama bis in die Abendstunden – so denn nichts Unvorhergesehenes im Kinderladen passiert ist. Mit einem Ohr bin ich ja ohnehin immer in meinem Handy und lausche hinein, ob nicht doch der Kinderladen anruft. Und das andere Ohr hört währenddessen alle 15 Sekunden die Zeitansage – damit ich weiß, wie viel so genannte freie Zeit mir überhaupt noch bleibt. So sieht sie also aus, die tägliche Entspannung. Frühstück in Amsterdam? Erst einmal verschoben. Statt dessen räume ich regelmäßig die Küche im Kinderladen auf. Auch schön.

Trotz der Betreuung im Kinderladen habe ich nicht das Gefühl, mehr Zeit für Müßiggang oder Arbeit zu haben. Ganz im Gegenteil. Alles muss viel intensiver vorausgeplant und organisiert werden, als noch während der Zeit vor der Fremdbetreuung. Das liegt natürlich auch daran, dass die Elternzeit der Mama des Kindes ebenfalls längst vorbei ist und es nicht mehr nur gilt, Arbeitszeiten, sondern auch Betreuungsabläufe zu koordinieren. Und ist dieser eine Tagesplan erst einmal gefasst, müssen sich auch alle möglichst strikt an diesen halten. Nicht nur Mama, Papa, Kind, sondern auch der Straßenverkehr, besonders die A100, durch Glas fahrende Fahrrardschläuche und die lieben Arbeitskollegen. Man ist immer auf dem Sprung und immer in dem Wissen, dass jederzeit dieser eine Anruf kommen könnte, der alle Pläne über den Haufen wirft.

Vielleicht merkt man es mir an, dass ich noch neu in der 24 Stunden Elternrallye bin. Vielleicht braucht es noch ein wenig länger, bis sich verlässliche Routinen gebildet haben und die Tage „entspannter“ werden. Und natürlich arbeite ich heute schon wieder mehr als früher. Etwas entspannter habe ich mir meinen Alltag aber dennoch vorgestellt. Als Selbständiger muss ich mich ohnehin erst einmal an diese ganzen festen Tagesstrukturen gewöhnen und sagen wir es mal so: Als Nachtmensch befinde ich mich noch immer in dieser Eingewöhnungsphase. Soweit läuft es aber ganz gut, nur die Produktivität lässt ein wenig zu wünschen übrig, denn allzu lange bin ich nachts gar nicht mehr wach. Die Hoffnung, dass die fehlenden Stunden irgendwann wieder kommen, die habe ich noch nicht aufgegeben. Vielleicht dauert es bloß noch etwas, bis sie wieder kommen.


Als Alleinerziehender und bloggender Vater einer vierjährigen Tochter schreibt Johnny über das Leben als Einelternfamilie - und über Kinderbücher.

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  1. Wie wäre es denn statt Bixkampf mit Siesta vormittags? Dann müsste es auch mit der Nachtarbeit wieder besser klappen.
    Allerdings wird die Elternralley mit der Zeit anspruchsvoller, aber nicht nur die Leber wächst an ihren Aufgaben ;)

    • johnny

      6 November

      Der Vormittag und ich, wir haben uns wirklich schon mal einfach auf die Couch gelegt. So richtig wollte es mit der Nacht aber dennoch nicht klappen. Das ist wie mit kleinen Kindern. Wenn man sie morgens früher weckt, schlafen sie abends trotzdem nicht später ein. ;)
      LG

  2. Martina

    4 November

    Da kann ich dich beruhigen, so geht es vielen Muttis und Vatis :) Aber das wird sicherlich auch besser, wenn der Arbeits und Tagesablauf mal optimiert ist.

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