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Alexa, Siri und Co.: Sprachassistenten und Kleinki...

Alexa, Siri und Co.: Sprachassistenten und Kleinkinder

Wenn ich von Amazon Alexa etwas möchte, dann sage ich es einfach. Wenn ich etwas von Siri möchte, dann gibt es kein „Hallo“ und auch kein „Danke“. Manieren und Höflichkeit – Fehlanzeige! Ist es das, was ich meiner Tochter mitgeben möchte: dass man mit Menschen höflich umgehen muss, mit Sprachassistenten, die wie Menschen klingen hingegen nicht so sehr? Und welche Ein- bis Dreijährige soll das eigentlich verstehen?

Meine Tochter gehört mit ihren frischen drei Jahren zur wahrscheinlich ersten Generation, die ganz bewusst mit einem elektronischen Sprachassistenten in den eigenen vier Wänden aufwächst bzw. aufwachsen könnte. Noch sind diese Dienste ja gar nicht so verbreitet, wie man meinen könnte. Und doch will das irgendwie passen, denn immerhin bin auch ich ja Zeit- und Praxiszeuge – des allerersten iPhones. Die Älteren erinnern sich vielleicht noch. Auch daran, wie ich damals wirklich original sagte:“iPhone? Spielzeug, das wird sich nicht durchsetzen!“

Sprachassistenten und Kleinkinder

Ähnlich denke ich über cloudbasierte Sprachassistenten, die mir das Leben einfacher machen sollen. Anstatt also jedes Mal das Telefon rauszuholen, soll ich doch stattdessen einfach meine Stimme anwenden, wenn ich im Wohnzimmer das Licht einschalten möchte. Wenn es da doch nur etwas gäbe, mit dem man das ohne Stimme oder Smartphone machen könnte.

Damals Smartphones, dann Tablets und nun sind es also Sprachdienste. Mir persönlich fällt es schwer, mit meinen technischen Geräten zu sprechen. Sei es mit Siri, Alexa, Google Home oder sei es auch nur die Sprachnachricht auf WhatsApp oder dem Messenger. Ich halte meine Telefon eben lieber in der Hand oder am Ohr, anstatt wie ein Dinkel-Sesam-Knäcke vor meinem Mund.

Meiner Tochter aber wird es vielleicht schon leichter fallen, denn sie kennt es auch gar nicht anders. Papa redet mit der Katze, sie eben mit der Katze und Amazons Alexa. Ich kenne mittlerweile sogar Eineinhalbjährige, die mit ihren wenigen Worten bereits diese cloudbasierten Sprachassistenten bedienen können. Und sei es auch nur, um sie ihre Lieblingsmusik spielen zu lassen – während Elternohren den Lautlosurlaub in der Toskana buchen, wenn auch nur im Traum.

Bei allen Möglichkeiten habe ich dennoch so meine Probleme mit der Verbindung aus Sprachassistent und Kleinkind und zwar aus zwei einfachen Gründen:

1) Umgangsformen!

Wenn ich von Alexa etwas möchte, dann sage ich weder „Hallo“, noch verabschiede ich mich und von einem Danke, bitte, gerne bin ich ebenfalls ganz weit entfernt. Vergesse ich die Höflichkeit, kommt von Alexa kein „Wie heißt das Zauberwort?“ oder „Hast Du nicht ein Wort vergessen?“ Auch ein „Nein“ ist von keinem Assistenten zu erwarten. Solange man nur deutlich genug etwas einfordert, bekommt man es auch.

Fun fact: Fragt man Siri „Wie heißt das Zauberwort?“, dann erscheint als zweites Ergebnis ein Beitrag auf geborgen-wachsen.

In unserer Kita gibt es einen Grundsatz: Der Ton macht die Musik. Solange ein Kind den/die ErzieherIn freundlich und direkt anspricht, darf es gern auf ein „Bitte“ verzichten. Das hat viel mit Gleichwertigkeit, aber das ist ein anderes Thema. Alexa und Siri ist der Tonfall hingegen völlig egal. Ob man sie anbrüllt oder nicht, es spielt einfach keine Rolle. Aggressives Einfordern wird belohnt. Die meisten lassen sich sogar recht sanktionsfrei beleidigen.

Wie sollte ich als Vater aber damit umgehen? Immerhin sind diese Dienste keine echte Menschen, müssten aber als solche behandelt werden, wenn ich meine Tochter ermahnen will, dass man ihnen ruhig und respektvoll zu begegnen habe. Auch dann, wenn es diesen Stimmen offenkundig egal zu sein scheint.

2) Merkwürdige Monokultur!

Alle Sprachassistenten oder besser gesagt: Alle Stimmen von Sprachassistenten (Bixby ausgenommen) sind qua Voreinstellung weiblich. Alexa, Siri, Cortana, Google Assistant, alles Frauenstimmen. Dies ist wahrscheinlich dem einfachen Umstand geschuldet, dass Marktforschungen irgendwann einmal herausgefunden haben wollen, dass ungefähr 90 Prozent der Nutzer von Sprachassistenten wohl männlich sein würden. Und diese unterhalten sich nun mal am liebsten mit (fremden, willige) Frauen (Zitat Siri:“Mein einziger Zweck ist es, zu dienen!“

Ist das der auch schon der subkutane Grund dafür, dass alle weiblichen Stimmen so wenig wert auf Umgangsformen legen? Weil Männer am liebsten auf solch sozialen Firlefanz verzichten – zumindest bei (anderen) Frauen? Hauptsache willig, Hauptsache unterwürfig? Als Typ mal so richtig die Sau raus lassen, wie man so schön sagt? „Alexa, bestell mir eine Kiste Bier“, „Siri, schalte das Licht ein im Wohnzimmer!“. Lediglich Google hat mit „Ok, Google…“ eine Art förmlicher Ansprache. Selbst frauenfeindliche Aussagen werden zumindest von Amazons Alexa nicht zurückgewiesen, sondern maximal nur begleitend kommentiert. Apple hat seine Siri mittlerweile ein Update in dieser Hinsicht verpasst – ob das aber schon reicht? Noch immer entschuldigt sie sich unterwürfig, wenn man sie beleidigt.

Ob absichtsvoll oder nicht: Kinder lernen, dass man weiblich klingende Stimmen herumkommandieren kann. Dass männlich gesprochenen Assistenten ganz genauso reagieren würden, lernen die Kinder indes nicht, denn es gibt schlichtweg keine männliche Assistenten. Männer geben Befehle, Frauen gehorchen?

So sind mir derzeit alle, aber wirklich auch alle Sprachdienste durchweg unsympathisch bis unangenehm. Bei allem Komfortgewinn, der sich sicherlich irgendwann einstellen wird. So weit wir manchmal glauben, in Sachen Gleichberechtigung zu sein, brechen sich im Bereich der schlauen Technik genau die alten Klischees und Rollenbilder durch, wie sie eigentlich schon immer bestanden haben. Frauen behandelt man mit Respekt. Auch denn, wenn es sich „bloß“ um weibliche Stimmen handelt. Alles andere kann ich doch als Vater einer Tochter überhaupt fordern.

Übrigens: Kennen Sie eigentlich schon Aristoteles?

Ein männlicher Sprachassistent, der Höflichkeiten wie „Bitte“ und „Danke“ einfordert? Ja, so etwas soll es bald schon ganz real geben. Ein berühmter Spielzeughersteller will nämlich bald schon einen eigenen Sprachassistenten veröffentlichen. Einen, der speziell für das Kinderzimmer entwickelt wurde. Sein Name: Aristoteles. Und alle Kleinkinder so:“Stilels…?“ Wer hat sich bitte diesen Namen ausgedacht? Ganz unabhängig davon, dieser unaussprechliche Sprachdienst möchte Kinder beim Aufwachsen, soll man sagen:“helfen“? Dass Mattel hier nicht ganz eigennützig handelt, ist klar – Thema: Frühe Bindung an die Marke.

Ich schlage vor, wir sprechen uns in zwei bis fünf Jahren nochmal und schauen dann, wohin uns diese Reise verbracht hat. Noch habe ich nämlich keinen blassen Schimmer. Es schlagen, ach, zwei Herzen in meiner Brust. Das, des Vaters und das, des Amateurtechnikers. Verschließen möchte ich mich der Sprachsteuerung nicht, aber derzeit ist ihr Zustand nicht nur technisch, sondern auch moralisch fragwürdig.

Bei diesem Text handelt es sich natürlich um keine vollständige Betrachtung, sondern um einen leicht eskalierten Kommentar. Das Thema selbst ist aus meinem anderen Schreibenleben herüber geschwappt und wird mich wohl auch in Zukunft wohl noch ein wenig begleiten. Nicht wundern also, ne.


Als bloggender Vater einer dreijährigen Tochter schreibt Johnny über das Familienleben zwischen Kita, Kleinkind und Vereinbarkeit.

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  1. Sehr schöner und vor allem kritischer Artikel. Mir selbst behagt es auch überhaupt nicht, meinem Telefon „befehle“ zu erteilen und die wenigen Male, die ich Siri dann doch um etwas gebeten habe, habe ich mich bei dem längst verstummten Gerät bedankt… Irgendwie absurd…

    Trotzdem eine kleine Anmerkung, da ich es auch seltsam/störend/befremdlich (das wirklich passende Wort fehlt mir) fand, das Siri immer eine Frau zu sein scheint: Siri ist wohl nicht in allen Ländern Weiblich, laut Marktforschung wollen die Deutschen aber lieber eine Frau ider so… Naja, wie immer, glaube nur der Statistik die du selbst gefälscht hast. :-/

    LG,
    Katharina

  2. […] ich ja schon einmal kritisch die Beziehung zwischen Sprachassistenten und Kleinkindern betrachtet (Alexa, Siri und Co.: Sprachassistenten und Kleinkinder). Zeit also, aus dem temporären Experimente ein langfristiges Projekt zu machen. Hallo Alexa, wie […]

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