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Vater, alleinerziehend und bedürfnisorientiert? So...

Vater, alleinerziehend und bedürfnisorientiert? Sowas gibt’s nicht!

Darf ich mich vorstellen, Johnny, es gibt mich eigentlich gar nicht. In familienrelevanten Diskussionen wie sie auch genau jetzt rund um einen Kinofilm stattfinden, aber auch statistisch betrachtet, existiert jemand wie ich wenn, dann nur am Rande. Als Alleinerziehender, als Typ, der seine Tochter auf Augenhöhe und bedürfnisorientiert aufwachsen lässt, gehöre ich damit sogar gleich zwei Nischen an. Ich bin der Exot und zwar immer. Und für mich und in mir ist das auch völlig in Ordnung so. Weil ich mich nicht über dieses Nischendasein definiere, weil ich mich ganz gut abgrenzen kann. Ich mache das, was sich menschlich anfühlt. Auch dann, wenn ich dieses Gefühl immer wieder hinterfragen muss – und oft genug genau daran scheitere. An mir, an meinen Rollen und wie sie sich manchmal sehr unterschiedlich voneinander entwickeln.

Meine Tochter und ich, wir sind ein eingespieltes Team. Wir sind ein nahes Team und von dieser Nähe gebe ich ihr so viel ich kann. Mit Worten, mit meinen Händen, mit mir. Auch in solchen Situationen, in denen es zwischen uns überhaupt nicht klappen mag. Gleichzeitig ihr die Möglichkeit zu geben, sich selbst kennenzulernen und zwar ohne, dass ich diesem kleinen Menschenkind mit diesen vielen Gefühlen stur vorgebe, wie sie was zu machen oder zu fühlen hat. Meine Hoffnung: wenn sie mich braucht, dann zeigt sie mir das. Daran muss ich mich selbst aber auch oft genug erinnern. Ich achte auf mein Kind und auf ihre Bedürfnisse. Ich achte darauf, dass sie lernt, auch auf sich selbst besser zu achten. Bindungsorientiert, bedürfnisorientiert oder wie man das auch nennen mag. Ich mache das, was sich für mich menschlich anfühlt. Nah zu sein, Nähe zu geben. Dann, wenn der kleine Mensch es einfordert. Dann, wenn ich spüre, dass es angebracht wäre. Meine Aufmerksamkeit voll und ganz auf sie zu richten. Auch, weil ich vieles von dem vielleicht selbst gern als Kind erlebt hätte.

Als Vater bedürfnisorientiert – leichter gesagt, als getan

Das ist alles sehr viel leichter gesagt, als gelebt. Wie oft ich im Alltag scheitere. An mir selbst, am Haushalt, der Arbeit und allem, was gerade gleichzeitig passiert. An den Fragen und Anforderungen, die ich an mich selbst stelle. Den Zweifeln, mit denen ich meine Gefühle konfrontieren muss und der Kraft, die ich dafür aufbringe, um all das zu reflektieren. Wie oft scheitere ich an meinem eigenen Frust und daran, meine Batterien so aufzuladen, dass ich wieder gut sein kann. Auch das ist Teil der Entwicklung, die mich nicht nur als Vater, sondern auch als Mensch mittlerweile sehr verändert hat. Und es immer noch tut. Zu erkennen, dass es nicht bloß die kurzen Momente sind, in denen man sich etwas gönnt, sondern auch die Erkenntnis, welche Strukturen und Gewohnheiten mir gut tun – und welche nicht. Dies gilt auch für Beziehungen und Menschen. Klar, denn eigentlich recht gut darin, mich abzugrenzen, zwingt meine Tochter mich heute jeden Tag genau zum Gegenteil. Wie sollte ich das abends oder dann, wenn sie nicht da ist, abschalten können? Dieses Offensein verändert mich auch dann, wenn sie nicht da ist. Dieses Kind mit dem großen Herzen, welches sie so gerne versteckt, um es dann doch zu zeigen. Also lasse ich es zu. Das Denken und das Wiederdenken von Wünschen und Bedürfnissen, von Situationen und unserer Bindung, die da irgendwo mittendrin passiert.

Ich habe mich nie gefragt, ob und wie ich das wirklich alles schaffen kann. Ich habe mich auch nie gefragt, was es mit mir machen könnte, sondern es einfach gemacht. Nicht das Kind mir kompatibel zu machen, sondern mich auf das Kind einzulassen. Radikal offen zu sein für die Gefühle dieses kleinen Menschen. Das bedeutet auch, stets radikal offen für meine eigenen Emotionen zu sein – und auch dem, woher sie eigentlich genau kommen. Ich bin davon überzeugt, dass dies immer der richtige Weg ist. Ich bin auch davon überzeugt, dass dies der wahrscheinlich schwierigste Weg ist. Auch, weil er mich immer wieder zwingt, ganzheitlich zu denken, mich zu hinterfragen und mir klar zu sein, dass bei aller Individualität meiner Tochter sie eben auch auf mich und mein Verhalten reagiert.

Reaktionen auf mich und auf uns

Unterdessen sind die Reaktionen darauf, also auf mich, auf uns und darauf, wie ich mit meiner Tochter umgehe, sofern sie mir denn überhaupt zuteil werden, eindeutig. Und in ihrer Eindeutigkeit werfen sie wiederum ganz schön viele Fragen auf, denn: während ich von Frauen häufig enthusiastisches Lob höre, bekomme ich von der männlichen Seite entweder überhaupt kein Feedback. Oder schlimmer, ich werde tendenziell abwertend kommentiert. „Waldorflehrer“ ist da noch der harmloseste Kommentar. Dazwischen gibt es nichts oder zumindest nicht mehr viel. Allein diese anekdotische Erfahrung lässt mich fragend zurück. Und so sehr ich mich persönlich über Lob freue, wirklich, so sehr sehe ich eben auch die Situationen, in denen meine Tochter und ich nicht so gut miteinander sind. Für das, wie ich mit meinem Kind umgehe, möchte ich nicht gelobt werden. Ich mache das nicht für den Fame oder die Szenepunkte. Ich tue das, was sich für mich irgendwie menschlich anfühlt oder dem Gefühl zumindest einigermaßen nahe kommt. Wenn mir das gelingt, habe ich als Vater, nicht nur alleinerziehend, mehr erreicht, als ich mir jemals hätte träumen können. Das macht mich scheinbar manchmal eben doch zum Exoten, denn:

Eine andere, ebenfalls Besorgnis erregende Spielart der Reaktion auf uns, also darauf, dass ich die Äußerungen, Wünsche und Bedürfnisse meiner Tochter ernst nehme, erfasst übrigens Männer wie Frauen gleichermaßen. Dass ich mein Kind doch bitte zu kontrollieren habe. Oder dass sie mich manipuliere, um ihren Willen zu bekommen und ob ich das denn nicht merken würde. Die Idee, dass Eltern und Kinder in einem Machtkampf stünden. Und dass man diesen nur dann gewinnen könne, wenn einer der beiden gebrochen würde. Die Idee, dass man Probleme derart lösen könne. Oh, wie traurig müssen die Zeiten sein, wenn nicht nur manche Eltern auf dem Spielplatz, sondern auch gewisse Medien und sogar manch Fachpersonal genau dieses Bild vermitteln. Es sind traurige Zeiten ohnehin, wenn nicht nur Männer zum Beispiel einem James Bond-Darsteller die Männlichkeit absprechen, weil er sein Baby ganz nah bei sich in einer Trage trägt. Dagegen komme ich nicht an.

Als Alleinerziehender bin ich fast immer der odd-one-out. Ich frage mich aber, ob das wirklich stimmt. Bin ich wirklich ein Exot, weil ich die Bedürfnisse meines Kindes ernst nehme? Genau das kann ich mir nämlich eigentlich gar nicht vorstellen, weil es genau das ist, was ich auch für mich selbst möchte, wie andere mit mir umgehen. Schwierig, aber irgendwie doch auch ganz einfach.


Als Alleinerziehender und bloggender Vater einer vierjährigen Tochter schreibt Johnny über das Leben als Einelternfamilie - und über Kinderbücher.

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  1. Anne

    25 Oktober

    Warum brauchst du die Anerkennung und Gemeinschaft von Männern und die von Frauen bedeutet dir nicht im gleichen Maße etwas? Sind wir Frauen denn weniger wert? (Mal überspitzt ausgedrückt. Ist ein blöder Denkfehler in meinem Kopf und hat vielleicht gar nix mit dir zu tun.)

    • johnny

      1 November

      Es klingt für mich gar nicht mal nach einem Denkfehler, sondern viel mehr danach, dass dieser Text mal doppelt so lang war. Und das Du einen Punkt gefunden hast, der mich angreifbar macht. Auch, weil ich ihn nicht weiter ausgearbeitet habe. Ich sage ja, dass ich kein Lob möchte, auch wenn es sich natürlich manchmal gut anfühlt. Nach Geschlecht unterscheide ich dieses Lob oder diese Anerkennung indes nicht. Dieser Punkt war vielleicht nicht deutlich genug.

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