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Elternbuch: „Benehmt euch! Ein Pamphlet“ von Jürge...

Elternbuch: „Benehmt euch! Ein Pamphlet“ von Jürgen Roth & Stefan Gärtner – DuMont Verlag

2013 im DuMont-Buchverlag erschienen, verbreiten die beiden Titanic-Matrosen Stefan Gärtner und Jürgen Roth auf ca. 100 Seiten und vier Kapiteln wortkreative Untergangsstimmung, um an Ende doch nur zu dem Schluss zu kommen: besser wär’s, wir würden wieder auf Bäumen leben. Oder vielleicht doch nicht?

Schon Goethe wusste:„Beschränkt und unerfahren, hält die Jugend sich für ein einzig auserwähltes Wesen und alles über alle sich erlaubt.“

Die Jugend ist auch des Büchleins Lieblingsthema. Doch auf alles eigentlich, was bei drei nicht niet- und nagelfest im Sattel sitzt, wird ohne Rücksicht auf Verluste eingedroschen. Familie, Sport, Universität, Kapitalismus. Auf letzteren ganz besonders. Die beiden Autoren Roth und Gärtner bestimmen hierbei ganz allein, was gut, was wahr und was richtig ist und gönnen dem Leser nur selten den Luxus eines Arguments. Da bedient man sich stellenweise gar der Sprache derer, die man ablehnt, um sich sodann wieder hinter mal galanter, mal rotziger Rapunzelturm-Rhetorik zu verschanzen.

Geiselt man an der einen Stelle die Rolle des Sports, wird an anderer Stelle willfährig ein Fußballer zitiert. Werden nachlässige Eltern als Inkubator für verhaltensauffällige und rücksichtlose Kinder / Erwachsene an den Pranger gestellt, müssen sie sich an anderer Stelle den Vorwurf gefallen lassen, sie würden sich zu sehr um ihren Nachwuchs kümmern. Sicherlich hat man als Eltern große Verantwortung. Ob die Autoren selbst wohl Kinder haben?

Nicht nur an dieser Stelle hat man das Gefühl, dass die Autoren in spontaner Vergreisung Dinge verurteilen, die sie aus eigener Anschauung nicht kennen oder schlimmer noch: die sie nicht zu verstehen scheinen.

Eine gewisse Linie ist aber erreicht, wenn Menschen persönlich angegriffen werden. Ich kenne den Fußballlehrer Jürgen Klopp beispielsweise zwar nicht persönlich und halte ihn auch nicht für einen angenehmen Zeitgenossen. Ich glaube ihm aber jedes Wort, wenn er in einem Werbespot sagt:„Diese Lust auf’s Gewinnen, die in mir tobt!“ Man kann darüber spekulieren, ob das pathologische Züge aufweise, ihm aber als Ferndiagnose aggressive Asozialität zu attestieren?

Ein Sammelsurium unerfreulicher Begebenheiten, selbst erlebt oder zitiert. Man darf sich an der Stelle natürlich fragen, inwieweit solch ein Buch der Erkenntnis gereicht, wenn es nur Jenes zu Worte kommen lässt, das in der Autoren Weltbild passt? Vielleicht aber geht’s auch gar nicht um Erkenntnis, sondern um bloße Unterhaltung.

Ja, dieses Pamphlet ist Unterhaltung. So wie Modeblogs, der Harlem Shake oder Mankells Wallander. Auf intellektuell ungleich höherem Niveau allerdings. Ich stelle mir vor, die beiden Autoren mussten sich das, in den Kapiteln „Verblödung“, „Verrohung“, „Verkindung“ und „Verderben“ Ausgekotzte einfach mal von der Seele schreiben und das ist dann auch richtig so. Über alles andere kann man streiten.

Wer das Buch lesen möchte, der stelle sich vor, das Titanic-Magazin hätte eine düstere, soziologenschwangere Schwester, die sich besonders für die Marke „Akademischer Galgenhumor“ begeistern kann. Auch der kreative Wortgebrauch, das exzessive Zitieren sowie die Schwarzmalerei dürfen hierbei natürlich nicht fehlen. Dies im Hinterkopf, vergehen die 100 Seiten wie im Flug.

Meine liebste Wortkreation ist übrigens „Rudelbumskapitalismus“. Damit hätte man wunderbar auf die sogenannte Share Economy eindreschen können, n’est pas? Na vielleicht im nächsten Buch, meine Herren. vielleicht im nächsten Buch.

Als eBook im DuMont-Buchverlag HIER erhältlich.


Als Alleinerziehender und bloggender Vater einer vierjährigen Tochter schreibt Johnny über das Leben als Einelternfamilie - und über Kinderbücher.

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