Los geht's!

Wird aus mir ein Bento-Box Papa?

Eine Erbsenexpedition durch den gefährlichen Kartoffelstampf-Canyon? Einaugen-Möhrchen, die Pastinakenherzen aus dem Brechbohnengefängnis befreien? Oder Knusperbrot in exotischer Marienkäferoptik? Profi-Essens-Verschönerer nutzen eine so genannte Bento-Box für ihre Anrichtekunst. Diese Boxen mit den vielen Fächern werden dann mit allerhand Gesundem befüllt und zwar so, dass es gar nicht mehr gesund aussieht, sondern dem Zuschauer witzig und verspielt erscheint. Das Essen kann dann auch mal die Form von wütenden Dinosauriern, von Fabelwesen oder gar Computerspiele-Figuren annehmen. Toll. Ich selbst habe dem ganzen Verschönerungs-Treiben bisher nur wenig Aufmerksamkeit beigemessen. Als Vater einer, sagen wir mal, ausgesucht essenden Tochter, erwische ich mich mittlerweile aber immer öfter dabei, wie ich genau das auch tue: Ganz automatisch und ohne darüber nachzudenken, versuche ich ihr Essen ein klein wenig kreativer anzurichten. Aber ist das überhaupt richtig? Sollte man Lebensmittel zu Spielgerät werden lassen? Weckt das nicht völlig falsche Erwartungen? Geht es von nun an steil die Essenspyramide hinab?

Episode 1: Es war ein unschuldiger Samstag

„Hallo, mein Name ist Johnny, willkommen zu ‚Ich verschönere das Essen meiner Tochter!'“

7:15h. Die Kaffeetasse randvoll mit ‚Müde‘, die Windel der Tochter ist’s nicht minder. Gefüllt, meine ich. Mit handfestem. Sie verstehen. Mir und diesen Nebensächlichkeiten bleiben an diesem Morgen jedoch nur wenig Zeit zum Verweilen, denn: Der töchterliche Nachwuchs hat Hunger! Großen Hunger, um genau zu sein. Das bedeutet, es muss alles ganz schnell gehen. Eigentlich muss es immer ganz schnell gehen. Wenn Sie einmal erleben möchten, wie meine Tochter die Fassung verliert, setzen Sie sie an einen gedeckten Tisch und geben ihr: Nichts! Dann blitzt ihre blaue Klinge kurz auf und dann ist da überall Blut. Also Theaterblut, schließlich ist’s ja bloß eine Theateraufführung. Zum Glück. Nur Hunger, den hat sie dann immer noch. Also muss es doch wieder schnell gehen.

Viel lieber wäre ich noch für einen Moment unter der Bettdecke geblieben. Ich flüchte mich in meine Fantasiewelt. Wissenschaftler haben zum Beispiel nachgewiesen, dass die Hirnentwicklung bei Kopffüsslern derzeit überdimensional schnell voran schreitet. Und wenn ich mich selbst morgens so im Spiegel betrachte, mit meinen zwei Armen, dann beginne ich zu verstehen, warum dem so ist. Mit acht Armen wäre so vieles so viel einfacher. Kopffüssler müsste man sein. Dann bräuchte man sich auch keine Sorgen mehr um Bikinifiguren oder Paleo-Diäten machen. Hauptsache Glibber, Hauptsache acht Arme. Vätern und Müttern müssten nach der Geburt einfach sechs zusätzliche Arme wachsen, die dann nach 18 Jahren ganz von alleine wieder abfallen. Ich mache eine mentale Notiz. An was man so denkt, wann man sich virtuell die Decke über den Kopf zieht.

Zurück in der wahren Welt. Keine acht Arme. Na gut. Dann arrangiere ich mich in der Zwischenzeit erst einmal mit nur zwei Armen. Auf dem rechten Arm das Kind, in dem anderen ein Messer. Nur wie soll ich nun die Gurke schälen, die ich als schnellen Snack für das Kind auserkoren habe? Gurke geht eigentlich immer. Tintenfischteufel links auf meiner Schulter brüllt:“Die Gurke schälen? Was ist Deine Tochter, eine Salatschnecke? Wozu habe ich ihr Zähne gegeben?“ Gewiss, Gurkenschale ist kein Mithril, selbst kleine Kinderzähnchen können sie leicht durchdringen. Meine Tochter isst auch ganz gerne mal etwas Gurkenschale. Zum Beispiel dann, wenn Mond, Saturn und Pluto in Konjunktion also einer Reihe stehen, der Mond sich vor sie schiebt und die Reflektion dieses Schattens über das Küchenfenster unserer Nachbarn genau auf unsere Anrichte scheint. Das wurde mir von russischen Wissenschaftlern mittlerweile bestätigt.

Außerdem traue ich diesen Gurken nicht über den Weg – weder den konventionelle Gurken ohne Plastikverpackung, noch den ökologisch produzierten im Plastikmantel. Meistens reicht mir das bloße Abwaschen der Gurke nicht. Die Gurke ist und bleibt schmutzig. Da, Schmutz, überall!

Und dann passiert es: Geistesabwesend wie immer greife ich just nach den herumliegenden Utensilien für die Weihnachtsplätzchen – und für einen ganz kurzen Augenblick fühle ich mich wie der allererste Mensch. Warum Teile der Weihnachtsbäckerei einfach offen in der Küche herumliegen wird an dieser Stelle wohl nie ausreichend geklärt werden können. Doch: Eine weihnachtliche Plätzchenform als Gurkenausstecher? Genial. Ich nehme die Gurkenscheibe, die ich dem grünen Gemüse mühsam noch entreißen konnte, lege an und mit einem kurzen Ruck ist die Sache auch schon besiegelt. Doch als ich das sternförmige Ergebnis in Händen halte, erst in diesem Moment beginne ich zu verstehen: Ich habe soeben die Tür zum dunklen Pfad der Bento-Box-Macht aufgestossen.

Once you go bento, you never go back

Ich habe großen Respekt vor den Menschen, die es schaffen, mit schnödem Essen ganze Urwälder oder Meeresabenteuer in kleine Boxen zu zaubern. Naja, und dann gibt es mich. Ich brauche einen Linienlaser, um eine gerade Linie zu zeichnen. Ein einfaches Lineal reicht bei mir nicht. Mit Mühe schaffe ich es, eine Plätzchenform einhändig in eine Gurke zu stecken. Viel mehr sollte man von mir nicht erwarten. Und doch erwische ich mich dabei, wie ich völlig übergeschnappt darüber nachdenke, was man mit dem Essen der Tochter noch alles anstellen könnte?

Ist das denn überhaupt richtig? Sollte man das Essen für sein Kind wirklich spielerisch aufbereiten? Weckt das nicht völlig falsche Vorstellungen von Lebensmitteln und von Nahrung? Hat es vielleicht manchmal gute geschmackliche Gründe, warum das Kind Fenchel einfach nicht essen mag? Bringt es dann überhaupt etwas, sagen wir mal, aus Fenchel kunstvoll kleine R2D2-Figuren zu schnitzen?

Alle Vereine und Ernährungsberater empfehlen zwar eine kreative Aufbereitung speziell von Gemüse, sofern das Kind das unliebsame Grünzeug nicht essen möchte. Ich aber bin mir da nicht so sicher. Die Aussicht, jahrelang kreativ werden zu müssen, damit das Kind lecker gesundes Gemüse isst, erscheint mir nicht gerade besonders verlockend.

Und manchmal denke ich ganz ketzerisch: „Ach, einfach den Fenchel in den Kartoffelbrei mischen und gut ist. Machen wir keine Wissenschaft draus. Team Elterntricks, ne!“

Wohin mich die Expedition mit Namen kreative Essensverschönerung führen wird, weiß ich heute noch nicht. Ich weiß nur eins: Plätzchenformen werde ich in Zukunft ganzjährig benutzen. Auch, weil es ganz praktisch ist. Zumindest für so manches Gemüse. Und bis meine kleine Tochter in die Schule kommt, bin ich hoffentlich ein Meister darin, ihr Essen kreativ bis ansehnlich in kleinen Boxen und Portionen aufzubereiten. Vielleicht. Wenn mich die Motivation nicht verlässt. Naja. Ansonsten bleibt’s eben erst einmal bei Gurkensternen und den Möhrensticks mit Augen.

Wieder so ein Satz, von dem ich niemals gedacht hätte, dass ich ihn sagen würde. In diesem Sinne, möge die Bento-Macht mit uns allen sein.


Als Alleinerziehender und bloggender Vater einer vierjährigen Tochter schreibt Johnny über das Leben als Einelternfamilie - und über Kinderbücher.

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  1. Julia

    26 November

    Ja, ach, sind doch nur Phasen. Nach hundert Tagen Gurkensternen wird’s langweilig und dann will das Kind lieber schnöde Scheiben. Oder Tomaten. Was hat meine Mutter mir tolle Stullen gemacht! Mit Wurst, Käse, Ketchup, Salat -lecker. Aber irgendwann könnte ich sie nicht mehr sehen. Also, keine Angst vor der Bento-Spirale, die hört schon von allein auf!

  2. Yeah! Ich gebe es zu: ich stehe da total drauf. Ich baue keine Lebensmittelgemälde, aber ausstechen, zuschneiden etc. macht Spass. Sodenn ich wirklich Zeit dafür habe. Also ich stresse mich nicht damit, sondern ich mache das einfach gern. Und es ist schon krass, das die Kids immer wieder drauf abfahren. Und ich finde schön angerichtetes Essen ja selbst auch schmackhafter. In diesem Sinne – einen happy ersten Advent und ein gutes Wochenende!

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