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Bilderbuch: „Der einsamste Wal der Welt“ von Martin Baltscheit – Carlsen Verlag

Martin Baltscheit - Der einsamste Wal der Welt - Carlsen Verlag

Martin Baltscheit hat sich dieses Mal nicht den Löwen zugewandt, sondern ein gänzlich anderes Tier für seine Geschichte rausgesucht. „52 Hertz“ heißt der Wal, welcher tatsächlich in unseren Weltmeeren umherschwimmt. Sein Name rührt aus der einfachen Tatsache, dass er auf einer Frequenz singt, die sonst kein anderer Wal zu verstehen scheint. Das brachte ihm den Titel „Der einsamste Wal der Welt“ ein. Und genau aus dieser realen Geschichte hat Martin Baltscheit ein Kinderbuch geschrieben und illustriert – mit dem eben selbigen Titel. Erfahrenen Vorlesekindern ab fünf Jahren öffnet sich in dieser Erzählung nicht nur eine faszinierende Welt der Meere, sondern auch eine vielschichtige Geschichte, deren Ende erst noch geschrieben werden muss. Ein offenes Abenteuer aus dem Carlsen Verlag.

Inhalt: Martin Baltscheit „Der einsamste Wal der Welt“

Eine wahre Geschichte, wie sie sich vielleicht auch genauso zugetragen haben mag. Der Wal mit dem kryptischen Namen „52 Hertz“ existiert nicht nur ganz real, er ist auch ein ganz besonderer Zeitgenosse in unseren Weltmeeren. Anders als seine waligen Artgenossen singt er auf der besagten Frequenz von 52 Hertz – und damit beinah unhörbar für seine Artgenossen. So jedenfalls die wissenschaftliche Annahme. Dies ist auch gar keine Marotte unseres Wales, sondern er tut dies bereits seit seiner Geburt. Dies haben Menschen herausgefunden, als sie damit anfingen, mit sogenannten Hydrofonen unter Wasser nach Feinden und U-Booten zu suchen. Der kalte Krieg eben bzw. an dessen Ende jedenfalls – alles schon lange her.

Zeitungen nennen ihn aufgrund dieser besonderen Frequenz den einsamsten Wal der Welt. In dem passenden Kinderbuch von Martin Baltscheit geht es also genau um diesen Wal. Und um das Meer. Könnte man meinen. Genau genommen geht es ab Mitte des Buches auch um den Mann, der diesen Wal seinerzeit entdeckt hat. Es ist also auch ein stückweit seine persönliche Vorstellung davon, wie dieser Wal im Meer so lebt. So zwischen den Wellen und der Finsternis. Wie seine Eltern ihn nicht hören können und ihn trotz seiner vermeintlichen „Stummheit“ dennoch mit Liebe großziehen – und damit sein Überleben sichern.

Irgendwann zieht es den Wal natürlich doch hinaus. So wie es alle Wale irgendwann hinauszieht. Die anderen Fische hören seine Gesänge, allein einen Artgenossen oder einer einer Artgenossin, der/die ihn versteht, den scheint es indes nicht zu geben. So macht sich auch der Wissenschaftler auf, den Wal auf seiner Reise zu treffen – und stellt sich vor, wie sie sich wohl unterhalten bzw. was sie wohl zueinander sagen würden. Wie sie sich vielleicht doch nicht verstehen und der Wal sich wieder weiter auf die Suche nach einem Freund machen würde – da draußen im großen, weiten Meer. Denn: „Jeder findet einen, der zu ihm passt.“

Meine Einschätzung als Vorlesewal

Auf 24 Doppelseiten entspinnen sich im Grunde gleich zwei Geschichten. So lernen wir in der ersten Buchhälfte den Wal aus Sicht des Menschen kennen, der ihn 1989 im Meer gefunden hat. Natürlich ist das eine sehr vermenschlichte Vorstellung davon, wie Wale miteinander kommunizieren und leben. Das macht es aber umso greifbarer – besonders für Vorlesekinder. In der zweiten Hälfte treffen wir den Mann wieder, der „52 Hertz“ entdeckt hat. Nur dieses Mal beschließt er, ihn im Meer zu besuchen. Hier entsteht ein interessanter Dialog zwischen Wal und „Blasenfisch“, der in Wirklichkeit aber in Wahrheit doch nur aus zwei Monologen besteht. Klar, wie sollten die beiden auch überhaupt miteinander kommunizieren? Und doch ist der Grundton der Erzählung ein positiver. Und am Ende erkennt der Wal im Menschen sich selbst, ohne dies jedoch zu realisieren und schließt mit den Worten, die ich oben schon zitiert habe:„Jeder findet einen, der zu ihm passt.“

Am Ende des Buches gibt es eine riesige Ausklapp-Seite mit buntem Unterwasserpanorama samt Korallenriff und Quallen – zum Sehen und Benennen und Entdecken. Auch unser Wal schwimmt dort, wenn auch plötzlich nicht mehr allein, sondern von einem Delfin begleitet. Ob das die Auflösung der Geschichte ist?

Wie die Geschichte indes wirklich endet, das weiß man nicht. Wie sollten es Martin Baltscheit oder sonst wer es auch wissen, schließlich ist die Geschichte ja noch im vollen Gange. Das macht dieses Bilderbuch aus dem Carlsen Verlag doch recht wertvoll. Man kann über das Meer, die Tiere dort und die Menschen sprechen. Darüber, dass Tiere genauso wie Menschen, meistens doch, auch Freunde und Familien haben. Und doch, trotz schöner Botschaft ist die Geschichte offen. Diesen Umstand kann man erfahrenen Vorlesekindern ab vier bzw. fünf Jahren aber sicherlich schon zumuten.

Aber: die Tatsache, dass die Geschichte hier aus zwei ganz unterschiedlichen Blickwinkeln erzählt wird – wenn auch vom gleichen Erzähler, macht das Buch zu einer kleinen Herausforderung. Lernen wir erst den Wal kennen, treffen wir ihn später noch einmal in Interaktion mit dem menschlichen Forscher wieder. Die Kritik, die ich hin und da vernommen bezüglich der dünnen Geschichte habe. Dass es sich hier doch eher um ein Kinderbuch für Erwachsene handeln würde, Nein, die kann ich nicht teilen. Die Textstellen sind kurz gehalten, insofern ist die Kritik vielleicht nicht ganz aus der Luft gegriffen. Doch auch dies gehört zur Atmosphäre der Geschichte und des Buches. Zu dessen Gefühl. Die Illustrationen sind derweil über alle Zweifel erhaben und wir schauen immer wieder gern hinein. Wer wäre auch nicht fasziniert von der Schönheit der Meere? Vor allem, wenn sie so schön in Szene gesetzt ist?

Übrigens: Leider habe ich keinen deutschen Link gefunden, aber hier ist der Trailer zu einer amerikanischen Doku über den Wal – dann wisst ihr auch, wie Martin Baltscheit auf die Idee für dieses Buch gekommen ist.

Fazit

Eine anspruchsvolle Geschichte, weil geteilt und offen, wunderschön gezeichnet – für Vorlesekinder ab vier besser fünf Jahren.

Martin Baltscheit (Autor, Illustrator)
Der einsamste Wal der Welt
Gebundene Ausgabe: 48 Seiten
Verlag: Carlsen (28. Juni 2018)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3551510644
ISBN-13: 978-3551510648
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 4 – 8 Jahre
Größe und/oder Gewicht: 24,6 x 1,2 x 26,6 cm


Als Alleinerziehender und bloggender Vater einer vierjährigen Tochter schreibt Johnny über das Leben als Einelternfamilie - und über Kinderbücher.

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