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Keine Angst vorm zweiten Kind: Über das einmal, zw...

Keine Angst vorm zweiten Kind: Über das einmal, zweimal Vatersein

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Meine Tochter wird bald schon das (fast) alleinige Einzelkind ihrer Kita-Gruppe sein. Alle anderen Kindern sind dann entweder kleiner Bruder, große Schwester, großer Bruder oder auch die kleine Schwester. Manche von diesen Geschwisterkindern sind natürlich ebenfalls Teil der Kita-Gruppe. Wenn nicht jetzt, dann doch recht bald schon. Was diese Tatsache aber mit meinem Einzelkind machen wird, vermag ich an dieser Stelle noch nicht zu sagen. Vielleicht interpretiere ich auch zu viel in die Geschwistersituation hinein. Fakt aber ist, dass ich mittlerweile unumwunden zugeben muss: ein zweites Kind macht mir persönlich überhaupt keine Angst mehr. Im Gegenteil. Über das einmal, zweimal Vatersein und das beängstigend Selbstverständliche daran.

Ich hadere mit dieser Welt – und das schon immer eigentlich. Ob mit 14, 17, mit 20 oder jetzt genau in diesem Moment. Als Teenager gehört dieses Hadern zum Grundrepertoire, vielleicht ist es aber auch als Erwachsener eine ganz menschliche Erfahrung, die jeder von uns macht. Auch wenn ich mir bei manchen Zeitgefährten nicht ganz so sicher bin. Früher war dieses Hadern jedenfalls einer der Gründe, warum ich mir eigene Kinder kaum vorstellen konnte – oder wollte. Wie soll ich einem kleinen Menschen eine Welt zeigen, mit der ich selbst nicht im Reinen sein will?

Vom alleinerzogenen Kind zum Alleinerziehenden heute

Früher, also wirklich sehr viel früher, als ich im Grunde schon der war, der ich heute bin, nur eben noch nicht als Vaterfigur, da habe ich mir immer gesagt, dass dieses Vatersein doch nichts für mich sein könne. Es spräche ja auch einfach nichts dafür. Das Sichbinden, das Gebundensein, die Verantwortung. Und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ja auch nicht gerade das Versprechen auf eine rosige Zukunft. Schlimmer noch, denn: als Einzelkind einer alleinerziehenden Mutter, so ganz ohne Netz und doppelten Boden war und ist mir dieses Konstrukt Familie bis heute im Grunde fremd geblieben. Ich kenne sie schlichtweg nicht. Ich war das Kuckuckskind, mit dem eigentlich niemand etwas zu tun haben wollte. Das aber ist eine ganz andere Geschichte.

Heute Vater einer dreijährigen Tochter zu sein versöhnt mich nicht mit meiner Vergangenheit – und auch nicht mit der Welt als ganzes. Ganz im Gegenteil. Manchmal will man die Welt in den Arm nehmen und ihr zuflüstern: „Ist wieder gut? Wollen wir es jetzt nochmal probieren, hm?“ Es macht aber auch dankbarer – manchmal jedenfalls, wenn man ganz genau hinschaut. Das schüchterne, neugierige Mädchen erdet mich nicht, hält mich aber erfolgreich im Hier und Jetzt. Und da gefällt es mir eigentlich ganz gut. Ich gefalle mir, wenn ich ihr Papa sein kann.

Geschwisterkind und doppeltes Vatersein? Ja, aber…

Und ohne, dass ich es mir selbst angemerkt hätte, beschleicht mich da ein ganz bestimmtes Gefühl. Bei allem Zweifeln und Hadern, ein zweites Kind ist plötzlich kein schattiges Schreckgespenst, sondern eigentlich eine ganz schöne Vorstellung. Vielleicht sind Geschwister ja wirklich etwas Wunderbares. Als Einzelkind vermag nicht das ja gar nicht so genau einzuschätzen. Umso erstaunlicher, wenn man sich bei dem Geschwistergedanken selbst ertappt.

Der Gedanke an ein zweites Kind, dem damit verbundenen, nennen wir es mal, Sichfestlegen auf dieses Vatersein, es macht mir keine Angst. Und es ist wahrscheinlich auch genau richtig, dass mir trotz der von mir abgefallenen Angst vor dem Kinderhaben das Hadern mit der Welt geblieben ist. Vatersein und Hadern, ich halte beides aus. Obgleich ich zugeben muss, dass ich mir manches doch anders wünschen würde.

„An der Straße immer schön aufpassen, ne! Manche Autofahrer halten für Dich an, manche nicht.“ – „Ja, manche sind nett – und manche nicht, Papa!“ Sollte eine Dreijährige wirklich Menschen derart schon einteilen – nett und nicht-nett? Wie gern würde ich meiner Tochter eine vielleicht etwas positivere Sichtweise auf die Menschen vermitteln. Allein, dass bin nicht ich. Auch als Vater kann ich nicht aus meiner Haut. Ich hadere weiter. Vielleicht ist es aber auch ganz gut und richtig, dass meine Tochter ein klein wenig mißtrauisch gegenüber Autofahrern (so als pars pro toto) ist. Solange sie lernt und weiß, dass man manchen Menschen auch einfach vertrauen kann.

Und sollte sich jetzt jemand fragen: Nein. Einfach nein. Die Gedanken über ein zweites Kind haben keine reale Entsprechung. Kein zweites Kind, nirgends. Nicht einmal fern am Horizont. Selbst dann nicht, würde ich einmal um die halbe Welt reisen. Aber wer weiß, vielleicht setze ich irgendwann doch die Segel und mache mich auf die zweite Vaterreise – ich bin bereit… glaube ich.


Als bloggender Vater einer dreijährigen Tochter schreibt Johnny über das Familienleben zwischen Kita, Kleinkind und Vereinbarkeit.

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  1. Janet

    23 November

    Ich bin gespannt, wohin die Reise geht :-)

  2. Sari

    23 November

    Ganz lange waren wir es nicht. Waren wir doch mit dem einen gelungenen Exemplar in unserem zu Hause mehr als zufrieden. Von all den Sachen trennen konnten wir uns aber nicht. SO richtig abgeschlossen war das Thema für uns dann unbewusst wohl doch nicht.
    Und dann nahm der Große uns die Entscheidung ab: Ich möchte ein Baby!! Das sagte er eines Tages frei heraus. Ein Baby zu Hause. Am Liebsten einen Bruder. Das wäre toll. Und da war uns klar, dass wir das auch wollen und das Schicksal wollte es scheinbar auch, denn dann ging alles auf einmal ganz schnell und es ist schön zu sehen, wie sie miteinander zusammen sind, obwohl doch fast 5 Jahre (und nicht die allseits gelobten 3) zwischen ihnen liegen.

  3. Christina

    27 November

    „Meine Tochter wird bald schon das (fast) alleinige Einzelkind ihrer Kita-Gruppe sein.“

    Unsere Tochter ist seit ihrem Start in der Krabbelstube ständig das einzige Kind der Gruppe, das keine Geschwister hat. Vom Wunsch und Gedanken wären wir durchaus bereit für ein zweites Kind gewesen, es sollte aber nicht sein. Inzwischen ist sie 12 Jahre alt, teilt die Welt in Gut, Böse und vielleicht nett ein. Und immer noch hört sie, dass sie ja nicht sozial wie andere Kinder sein kann, da sie keine Geschwister hat (sowohl von Mitschülern, Eltern als auch Lehrern).
    Dabei wird nie gefragt, ob es eine Geschichte hinter dem Einzelkind gibt und vielleicht unsere Tochter gerne ein „Gspänli“ oder „Kollegen“ in der Familie gehabt hätte. Sie wusste aber bereits früh, das das gesundheitlich nicht möglich ist und sie somit das einzige Kind in unserer Familie bleibt.

    Was unsere Tochter in ihrer Rolle als einziges „Einzelkind“ in den Einrichtungen gelernt hat, frage ich mich bis heute. Denn eigentlich wurde ihr von den Bezugspersonen (Erziehern etc.) vermittelt, das sie ja nicht so ganz richtig ohne ein Geschwisterkind sei.

  4. Felix

    11 Dezember

    Hey, schöner Beitrag. Ich fühl mich ähnlich, auch wenn ich wohl in der Entwicklung noch nicht so weit bin. Unser Kleiner ist noch nicht mal ein Jahr, und so langsam taste ich mich an den Gedanken an ein zweites Kind ran, so wie ich mich voher viele Jahre an das Vatersein rangetastet habe. Dito: Keine eigene Erfahrung mit funktionierender Familie, de facto Einzelkind, viel Hadern. Mal sehen.

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