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„Dein Alltag ist ihre Kindheit“? Zwei ...

„Dein Alltag ist ihre Kindheit“? Zwei Gründe dagegen!

Mein Alltag ist nicht ihre Kindheit

Es gibt Sprüche, die bündeln in ihrer Kürze so manch kluge Wahrheit, für die es sonst ganze Bücher gebraucht hätte. Eine klare Erkenntnis knackig auf den Punkt gebracht. Als verdeckter Pädagoge weiß ich besonders solche kurzen Wege zum Ziel zu schätzen, verliere mich aber selbst gern mal auf dem Weg dorthin. „Dein Alltag ist ihre Kindheit“ – das ist einer dieser Sprüche, die speziell in den letzten Wochen wieder durch den Blätterwald des sozialen Internets gerauscht sind. Besonders dieser Spruch berührt, er macht nachdenklich und irgendwie will es ja auch stimmen. Aus meiner eigenen Erfahrung als Sohn einer Alleinerziehenden sowie heute als Vater einer Tochter, denke ich manchmal: Mein persönlicher Alltag ist wirklich das letzte, was ich mir für die Kindheit meiner Tochter wünsche. Aus zwei ganz einfachen Gründen.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Wie alle Kleinkinder bin auch ich großer Freund von Objektpermanenz. Wenn Papa und Tochter auf dem Weg zum Kinderladen der Mama zuwinken und die Tür sich hinter uns schließt, dann ist die Mama nicht plötzlich verschwunden. Sie ist immer noch da. Meine Tochter soll auch nicht merken, dass ihre Mama im Laufe des Tages arbeiten geht, sondern allein wissen, dass, wenn die Tür wieder aufgeht, die Mama immer noch für sie da ist. Es klingt ein wenig kitschig und helikopterisch. Doch vor allem, seit dem die Kleene im Kinderladen ist und viel öfter nach ihrer Mama fragt, ist es mir wichtig geworden.

Das alltägliche Zerren um diese ominöse Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Für Eltern bedeutet dies nichts anderes als Arbeitsstunden zu planen, Anwesenheit zu koordinieren und das alles dann unter einen möglichst schicken Hut zu bringen, der auch sozial weitestgehend akzeptabel ist. Meine Tochter soll einfach nur wissen, dass wir beide für sie da sind. Wie wir das bewerkstelligen und warum wir in keiner Vier-Sterne-Villa leben, all das ist doch für das Kind gänzlich unerheblich. Und wenn Mama mal nicht da sein sollte, weil sie woanders Geld verdienen muss, dann erkläre ich ihr, warum das so ist. Hauptsache, Mama kommt wieder. Das alltägliche Zerren und das Hetzen von A nach B über C mit Abstecher nach D, das wird meine Tochter noch früh kennen lernen. Bis dahin versuche ich, diesen Teil unseres mal mehr, mal weniger chaotischen Alltags so weit wie möglich von ihr fern zu halten.

Tägliche Nachrichten und Meldungen

Nachrichten. Nachrichten konsumiere ich täglich und gerne auch in größeren Mengen. Ein klares Bild von unserer Welt und den Problemen darin habe ich trotzdem nicht – maße ich mir auch gar nicht an. Häufig haben die Nachrichten, die ich täglich auch aus beruflichen Gründen lesen muss wenig Erbauliches zu bieten: Flugzeugabstürze mit vielen Toten, Überschwemmungen mit vielen Vermissten oder kleine Kinder, die gar nicht weit weg von uns in Kleingärtenkolonien verscharrt werden oder tot in Plastikwannen gequetscht werden.

Auch das ist ein großer Teil meines Alltag. Durch meine besondere Verbindung zu bestimmten ausländischen Staaten, potenzieren sich diese, sagen wir mal, schlechten Nachrichten, die in meinen Blick geraten um ein Vielfaches. Mein alltägliches Lesen, das Mich-informieren und meine Gedanken darüber, das kann und werde ich nicht Teil der Kindheit meiner Tochter werden lassen. Irgendwann wird sie alt genug sein, die Welt und ihre unschönen Seiten kennenzulernen. Sie wird alt genug sein, sich vor den Dingen, die sie aus dem Internet oder von Freunden erfährt, zu ängstigen. Ihre Kindheit soll aber so lange wie möglich davon unbehelligt bleiben, denn die Welt hat viel Schönes zu bieten. Fangen wir doch lieber erst einmal damit an.

Meine Tochter und ich. Als Vater bin ich Teil ihres und sie ist als Tochter untrennbar Teil meines Alltags. Das bedeutet auch, dass es bestimmte Bereiche meines alltäglichen Tuns gibt, die ich nicht mit ihr teile, die ich vor ihr geheim halte. Es lag mir schon länger auf den Fingerspitzen, konnte aber lange nicht genau definieren, was mich an dem Spruch „Dein Alltag ist ihre Kindheit“ irritierte.

„Euer gemeinsamer Alltag ist ihre Kindheit“

, so würde ich diesen eigentlich doch schönen Spruch umdichten. Das klingt doch auch gleich viel schöner, oder? Außerdem: Niemand teilt seinen gesamten Alltag mit dem Kind. Oder erzählt man als dann dem Kind zu Hause von den Meetings, den Kaffeepausen, den doofen Kollegen und der häßlichen Krawatte, die man beim letzten Kundengespräch am liebsten abgeschnitten hätte? Wohl eher nicht. Also nicht immer, nur manchmal vielleicht.

Vielleicht gibt es aber auch größere und wichtigere Aufgaben und Herausforderungen in der Elternwelt, aber manchmal sind es die Kleinigkeiten wie solch ein Spruch, die mich am längsten aufhalten.

In diesem Sinne,
Euer Johnny


Als bloggender Vater einer dreijährigen Tochter schreibt Johnny über das Familienleben zwischen Kita, Kleinkind und Vereinbarkeit.

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  1. Sehr kluger Text!
    Denn genau so ist es: mein Alltag besteht oft darin, die Kinder meinen Alltag nicht erleben lassen zu müssen. Die gehen morgens in die Schule, von dort zum Hort und kommen dann gechillt nach Hause. Ev. noch beim Kickplatz vorbei oder ne Freundin mit nach Hause bringen.
    Sie sehen mich das letzte Mal im Nachthemd, und wenn sie nachmittags nach Hause kommen, bin ich schon da (inzwischen bekleidet), freue mich auf sie, frage wie der Tag war, habe Zeit und Nerven für sie.
    Was sie nicht sehen: meinen kompletten Arbeitstag, mein schnell-zwischendurch-Haushalt, meinen Zusammenbruch beim Blick aufs Konto, meine nervigen Emailwechsel mit dem Wochenendvater ob der Terminplanung, meinen Einkauf auf dem Rückweg, meinen Anruf beim Kinderzahnarzt, etc.
    Ich versuche, sie langsam und kindgerecht daran teilhaben zu lassen, damit sie wissen, daß das hier kein Ponyhof und kein all-inclusive-Hotel ist, aber sie haben auch ein Recht auf eine schöne Kinderzeit und sollen sich mit ihren 8 und 10 Jahren ja auch gar nicht über meinen Kontostand den Kopf zerbrechen. Auch wenn sie natürlich die Verursacher des Dispos sind ;-)
    Mein Alltag ist gottlob nicht ihre Kindheit!

  2. Dorothee

    6 November

    …wahrscheinlich ist das auch eher eine „Hausfauensache“? -wenn das Kind nicht fremdbetreut wird, macht der Spruch auch mehr Sinn, weil man mit älteren Kleinkindern viel länger Zeit bzw den Tag verbringt…?
    aber ja, ich gebe dir Recht und finde, dass bei dem Spruch zudem auch eine große Erwartungshaltung, Verpflichtung und auch ein Tröpfelchen Selbstgerechtigkeit transportiert wird…

    • johnny

      6 November

      Ich hab den Spruch erst einmal nur auf meine Situation umgemünzt, aber natürlich hast Du recht. Für einen Stay-at-home-Dad bzw. eine Mum, wie man neudeutsch so sagt, ergäbe der Spruch ein klein wenig mehr Sinn. :)
      LG

  3. Schön geschrieben – genau der Spruch hat mich in letzter Zeit auch verfolgt!

  4. Claudia

    7 November

    Ich sehe das etwas anders. Alles, auch die nicht so sonnigen Seiten des Lebens nehmen Einfluss auf mich, meine Ansichten, mein Gemüt… und das prägt meinen und unseren Alltag, unsere Pläne und all das was ich an mein Kind weitergebe.

    Ich versteh den Spruch „Dein Alltag ist ihre Kindheit“ eben nicht nur so, dass alles was gemeinsam mit dem Kind „stattfindet“, Einfluss nimmt. Auch ich als Mensch geprägt von meiner Vergangenheit und der Gegenwart, forme die Kindheit meines Kindes mit all seinen Facetten. Aber das ist natürlich aples eine Frage der Interpretation.

    • johnny

      9 November

      Hallo Claudia,
      vielen Dank für Deinen Kommentar. Du betrachtest die Situation ganzheitlicher, als ich es gewagt habe. Mir ging es tatsächlich um die pragmatische Seite meines Alltags. Aber natürlich hast Du recht. Alles um uns herum prägt uns auf die eine oder andere Art und Weise – und das geben wir auch weiter. :)
      LG, Johnny

  5. […] Johnny papabloggt darüber, warum sein Alltag eben nicht die Kindheit seiner Tochter ist. Schönes in Perspektive Setzen eines kürzlich gehypten Haikus. […]

  6. Merle

    9 November

    Ich hab den Spruch in den letzten Wochen auch mehrfach gelesen, hab ihn aber für mich ganz anders interpretiert. Das war so eine Erkenntnis die ich schon hatte, bevor ich selbst Kinder bekommen hab. Wenn man Kinder bekommt, setzt man einfach ihr Verständnis für das was normal ist, was ihnen Geborgenheit vermittelt, durch das wo man lebt, wie man sich einrichtet, wie man miteinander agiert, was für Freunde man hat etc… Mein Kindheitsalltag fand z.B. in einem großen Haus mit Garten statt, mit Hund und Katze, mit Mama die zuhause war, wie bei vielen Freunden auch, mit vielen Büchern und vielen Erwachsenen die alle immer sehr steif und distanziert auf mich wirkten. Die Kindheit meiner Kinder dagegen spielt sich in einer Altbauwohnung ab, irgendwo in der Großstadt, Spielplätze sind allgegenwärtig, genauso Erwachsene die sich zu ihnen auf den Boden setzen und mit ihnen spielen, mit Kita und Freunden die selbstverständlich auch in die Kita gehen etc…
    Das ist für mich der Alltag der für meine Kinder Maßstäbe setzt. Lustig wie unterschiedlich das aber wahrgenommen wird.

    • johnny

      9 November

      Herzlichen Dank für Deinen Input. Ich muss gestehen, Deine Argumentation überzeugt mich. Interessanter Ansatz und jetzt ärgere ich mich ein klein wenig, dass ich da nicht selbst drauf gekommen bin. Schon verrückt. ;)
      LG

      • Merle

        12 Dezember

        Oh, das ehrt mich jetzt aber ;) Danke für deine Antwort.

  7. Sana

    1 Januar

    Ich verstehe diesen Satz ganz anders!
    Auf mich wirkt er eher so: „Hey vergiss vor lauter Alltag bitte nicht, dass da noch jemand ist, der eben kein kleiner Erwachsener ist! Da ist jemand der die Welt aus einer ganz anderen Perspektive betrachtet und der das Leben lernt und mit allen Sinnen aufsaugt. Es lohnt sich aus dem doofen Alltag auszubrechen und diese Kindheit mitzuerleben, ja sogar aktiv zu gestalten, damit es eine schöne Kindheit wird, an die das Kind sich irgendwann gerne zurück erinnert!“

    Liebe Grüße
    Sana :-)

    • Ja genau so verstehe ich den Satz ebenfalls…. Will ihn mir ins Wohnzimmer malen, damit ich immer daran erinnert werde. 5 gerade sein lassen….

  8. Eva

    22 August

    Ich habe den Spruch wie Sana und Andrea für mich interpretiert und konnte deshalb mit deinem Beitrag nicht viel anfangen. Ich habe es so verstanden, dass es gerade nicht darum geht, die ganze Hektik des Alltags auf unsere Kinder einströmen zu lassen und stattdessen alles etwas entspannter und weniger „perfekt“ anzugehen. Liebe Grüße!

    • johnny

      22 August

      Hallo Eva,
      danke natürlich für deinen Input und dass Du überhaupt kommentierst, obwohl der Artikel dir ja gar nicht so viel gegeben hat. :)
      Vieles deutet darauf hin, dass die meisten den Spruch in deinem Sinne verstehen bzw. deuten.
      Und dann gewinnt er natürlich genau diesen positiven Unterton, weswegen er so populär geworden ist.

      Ich spiele also des Teufels Anwalt und orientiere mich mehr am Wortlaut – für einen etwas anderen Blickwinkel.

      LG Johnny

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