Nach drei Monaten Eingewöhnung

Eingewöhnung

Irgendetwas scheint mit dem Wort ‚Eingewöhnung‘ nicht zu stimmen. So oft höre ich, wie sie scheitert, wie sie abgebrochen werden muss oder wie sie einfach nur stagniert. Warum das so ist, vermag ich nicht zu sagen. Je öfter ich jedoch davon höre, desto dankbarer bin ich, dass es bei uns anders verlief. Vielleicht ist ‚Eingewöhnung‘ auch einfach nur der falsche Begriff, der seinerseits völlig falsche Erwartungen schürt. Das Kind gewöhnt sich nicht einfach daran, regelmäßig von Menschen außerhalb der Familie betreut zu werden. Es lernt, sich auch ohne Eltern sicher fühlen zu können. Und Sicherheit ist Vertrauen ist Gefühlssache.

Heimisch werden in der Eingewöhnung

Das vielleicht passendere Wort für „Eingewöhnung“ ist der englische Begriff ‚familiarisation‘. Das Kind gewöhnt sich nicht einfach daran, außerhalb von Familie, Verwandtschaft oder Freunden betreut zu werden, sondern es macht sich mit ihm nicht vertrauten Umständen und Menschen heimisch. Aus der Fremdbetreuung wird etwas Familiäres, dem man vertrauen kann.

Jeder, der eine Familie hat weiß, man muss und man kann sich nicht in allen Belangen immer einig sein. Man stelle sich mal eine solche Familie vor! Nein, eine grundlegende Übereinstimmung hingegen reicht manchmal schon aus. Ohne diese Grundlage kein Vertrauen, keine Sicherheit, keine Eingewöhnung.

Das passiert nicht von heute auf morgen und wohl auch nicht innerhalb weniger Wochen. Ich habe gelernt, dass selbst ein Kind, das ganz entspannt aussieht, im Herzen immer noch angespannt sein kann. Das merkt man als Papa aber erst, wenn man das Kind einige Zeit nach der Eingewöhnung sieht und erkennt: wow, wie entspannt das Kind hier ist.

Drei Monate Eingewöhnung

Meine Tochter geht nun seit vier Monaten in den Kinderladen. Und erst jetzt beschleicht mich das unbestimmte Gefühl, dass sie verstanden hat, dass sie jeden Tag dort sein wird. Erst jetzt habe ich das Gefühl, dass sie sich wirklich darauf freut, wenn sie morgens die Jacke anzieht, ihre Puppe in den Arm nimmt und wir gemeinsam in den Kinderladen gehen. Das war in der Vergangenheit nicht immer so. Manchmal sogar ganz und gar nicht – 30minütige Trotzbrüllattacken im Hausflur inklusive.

Erst heute kann ich mich langsam zu der Aussage durchringen, dass meine Tochter im Kinderladen einigermaßen heimisch geworden ist. Gemäß Eingewöhnungsmodell und allgemeiner Annahme hätte dies gerade einmal sechs Wochen dauern sollen. Das klingt im ersten Moment nach sehr viel Zeit. Ist es aber nicht. Eine Eingewöhnung im Grunde nichts ist, worauf man einen Stempel setzen und sagen kann: so, nun isses aber vorbei, ne. Es ist ein Prozess. Nicht nur für das Kind, sondern auch für mich.

Ich bin schon gespannt, wie ich in einem Jahr darüber denke – sofern ich dann überhaupt noch daran denke sollte.

Routinen: die andere Seite der Eingewöhnung

Was mir selbst das Leben als Kita-Kind-Papa schwer gemacht hat, war und ist die Ungewissheit. Mittlerweile gibt es eine kleine Anzahl von Routinen, die wir über den Tag verteilt durchlaufen. Das hilft der Kleenen, aber mir hilft’s natürlich auch. So wissen wir nämlich beide, was uns erwartet.

Aber:
Wird die Tochter heute so gut gelaunt sein, dass sie mit Freude in den Kinderladen geht? Wird sie sich nach dem Drama um’s Anziehen wieder beruhigen? Werden wir die Verabschiedung so schaffen, dass ich nicht zu spät zur Arbeit komme? Wird sie sich überhaupt zu Hause von der Mama lösen können? Oder von mir? Im Grunde sind ja alle Routinen am Morgen darauf ausgerichtet, sie auf den Kinderladen vorzubereiten.

Am Anfang habe ich noch krampfhaft versucht, besonders den Mittagsschlaf-Rhythmus irgendwie beizubehalten. Wollte sie also partout nicht im Kinderladen schlafen, habe ich sie spontan abgeholt. Das war die tägliche Sorge, denn natürlich ist das Abholen nicht jeden Tag möglich. Vielleicht hat meine Tochter diese Anspannung gespürt? Mittlerweile habe ich jedenfalls gelernt, dass Routinen wichtiger sind als Struktur. Angenommen, sie ist viel zu aufgeregt, um im Kinderladen zu schlafen, dann hole ich sie dennoch erst am Nachmittag – sofern sie gut gelaunt ist, ansonsten früher. Dann holt sie eben ein kleinen Powerschlaf zu Hause nach, was soll’s. Man kann und man sollte sie nicht zum schlafen zwingen. Zwang ist das Gegenteil von Sicherheit.

Im Nachhinein

Die Bezugserzieherin hatte einen Leitsatz: „Es geht darum, was DU für das Kind möchtest.“ Bevor sie also das Kind betrachtet, schaute sie auf mich und auf das, was ich für meine Tochter möchte und vor allem: wie die Kleene und ich gemeinsam funktionieren. Die Entscheidung, wie lange die Eingewöhnung dauern soll, lag allein bei mir. Fachfraulich natürlich von der Erzieherin unterstützt, versteht sich. Ja, sie ahnte wohl schon, dass ich meine Tochter sowie deren Bedürfnisse ganz gut kenne und sie natürlich nicht einfach ignorieren werde.

Im Nachhinein denke ich, ging es auch darum, in der Eingewöhnungsphase nicht nur das Kind, sondern auch mich als Vater kennenzulernen. Dass sie mich nicht weggeschickt hat, sondern sich auf meine Einschätzungen eingelassen hat, zeugt von großer Empathie. Auch als Elternteil macht man sich eben heimisch.

Einen echten Rückschlag haben wir in all der Zeit nicht erlebt. Es gab ein bis fünf schlechte Tage, in denen ich an dem ganzen Vorhaben zweifelte. Allerdings sage ich heute, dass diese Tage nicht unbedingt der Eingewöhnung selbst geschuldet waren, sondern andere Gründe hatte.


Vielleicht ist es der Vorteil eines kleinen Kinderladens gegenüber einer Einrichtung mit vielen Kindern. Weniger Durchlauf, besserer Betreuungsschlüssel, engeres Verhältnis zwischen Eltern und Erziehern. Genauer weiß ich es natürlich nicht, denn ich kenne ja keine anderen Einrichtungen. Ich lese bloß viel von anderen Elternbloggern und deren Erfahrungen während der Eingewöhnung.

Dann werde ich ganz leise und auch ganz dankbar.


Als bloggender Vater einer dreijährigen Tochter schreibt Johnny über das Familienleben zwischen Kita, Kleinkind und Vereinbarkeit.

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  4. Patrick

    13 Februar

    Also, ich hatte bei meinen beiden Kindern den Eindruck, dass ihnen deutlich früher schon bewußt war, dass das jetzt „für immer“ sein würde. Trotzdem kam nach einiger Zeit eine Phase wo sie die neue Situation akzeptiert hatten und sie durchaus gern dorthin gingen. Leider muss ich allerdings auch gestehen, daß, wie so vieles im Leben mit Kindern, dieser Status zwischendurch auch durchaus wieder verschwinden kann und aus diversen anderen Gründen es wieder morgendliche Schrei- und Heulanfälle gibt.
    Was mir noch aufgefallen ist: Die Eingewöhnungszeit und Schwierigkeiten sind durchaus mit der Person verknüpft und dürften sehr wohl auch von den beteiligten Elternteilen beeinflußt sein.

    • johnny

      13 Februar

      Kindern sind eben auch nur Menschen, die verschiedenen Launen und Phasen durchmachen. Es kann eben nicht immer alles „glatt“ gehen. Ansonsten ist Eingewöhnung für mich ein Vabanque-Spiel mit sieben Siegeln. Warum sie bei vielen nicht klappt, ist immer ganz individuell und kaum vorhersehbar. Und vielleicht liegt es manchmal auch(!) an den Eltern.. wer weiß. LG, Johnny

  5. Zum ersten Mal mache ich mir wirklich Gedanken über den Begriff „Eingwöhnung“. Ich konnte ihn bisher nicht leiden. Jetzt weiß ich warum. Du hast recht. Es ist mit diesem einen Wort nicht getan und es beinhaltet so viel mehr als das.
    Was ich zusätzlich noch denke ist aber auch, dass zum Einen eine Eingewöhnung für jede Altersklasse und für jedes Kind sowie für jeden Elternteil unterschiedlich verläuft. Dass es aber auch vollkommen ok ist, wenn die Kinder lieber bei Mama oder Papa bleiben wollen. Ich will jetzt auch nicht unbedingt jeden Tag die Wohnung verlassen. Warum sollten die Kinder das tun wollen. Meine Kinder sind 3 und 6. Beide sehr unterschiedlich was Trennungen angeht. Aber auch wenn beide sich sehr heimisch und sehr wohl fühlen so gibt es sie immer noch: Die Tage an denen das Geheule groß ist. Sie sind glücklicherweise selten. Dafür aber laut. Und man wird es nie los, das Gefühl, dass der Tag am Arsch ist, nur weil das Kind beim Abgeben geweint hat……und dann ruft man im KiGa an und erfährt, dass das ganze Traraaaaa nur für mich allein gemacht wurde. Wie nett von den Kindern. Sie wollen einfach, dass auch ich nicht vergesse, dass es zwar toll ist im KiGa aber ein biiiiiiisschen schöner bei mir.
    Sie denken an mich. Lieb von ihnen ;)

    • Das Wort „Eingewöhnung“ scheint ein sehr technisches Wort zu sein. Bei uns im Kinderladen verwendet man jetzt häufiger das Wort „Ankommen“. Das will mir ja auch ganz gut gefallen! Überhaupt ist unser Kinderladen ein Ort, an dem sich Kinder wirklich sehr schnell, sehr wohlfühlen. Falls also noch jemand Plätze sucht. ;) Ansonsten sind Kinder eben Individuen. Das ist schon ok so. Nur das mit dem Drama, das könnte manchmal ruhig etwas weniger sein. ;) LG Johnny

  6. Hallo Johnny,

    ein schöner Text, den ich gerne gelesen habe!
    Als Erzieherin habe ich selbst schon das ein oder andere Kind eingewöhnt und was du schreibst stimmt total. Eingewöhnung ist ein Prozess, der nicht nach 4-6 Wochen abgeschlossen ist.
    Das ist Beziehungsarbeit, die ganz behutsam Stück für Stück voran geht oder gehen sollte.
    Denn viele ErzieherInnen haben leider nicht die nötigen Rahmenbedingungen, um wirklich behutsam und mit Zeit einzugewöhnen.
    So ist es z.B. die Ausnahme, das die eingewöhnende Erzieherin „freigestellt“ wird, sich also um den laufenden Betrieb nicht kümmern muss, solange das Eingewöhnungskind und dessen Eltern da sind und sie sich somit voll um sie kümmern kann.
    Warum das wichtig ist, liegt auf der Hand.
    Eingewöhnen und nebenbei den Morgenkreis leiten…. suboptimal.

    Und, gerade zum neuen Kitajahr, wenn die großen Kinder zur Schule gekommen sind und mehrere neue Kinder eingewöhnt werden müssen, gibt es straffe Zeitpläne.
    Auch und gerade in kleinen Kinderläden, denn je früher die neuen Kinder kommen, desto früher bekommt der Kinderladen Geld vom Senat.
    Hier ist der Druck bei Elterninitiativen oft größer als in staatlichen Einrichtungen.

    Ich kenne beides, dass Eingewöhnen für mich der absolute Stress ist, weil ich weiß, ich habe wenig Zeit.
    Aber auch, dass Eingewöhnungen, wirklich Spaß macht, ich mich freue über die wachsende Beziehung zu Eltern und Kind und die mir zeigen,warum ich mich für diesen Beruf entschieden haben.

    Beste Grüße,
    Britta

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