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Ein-Wort-Dialoge zwischen Vater und Tochter

Ein-Wort-Dialoge zwischen Vater und Tochter

Ein-Wort-Dialog auf dem Weg zum Kinderladen

Vor einigen Monaten, als meine Tochter noch unverständlich vor sich hin krakeelte, hauptsächlich Finger und „da, da“-Laute nutzte, da habe ich mir Gedanken darüber gemacht, ob man als Elternteil nicht ein Stück weit fahrlässig handelt, wenn man mit seinem Kind bloß auf einer Sprache kommuniziert. Zugegeben, ganz ernsthaft war ich beim Thema Spracherwerb nicht bei der Sache. Wie auch, ich konnte mir ja nicht einmal vorstellen, wie es wäre, die eigene Tochter irgendwann einmal sprechen zu hören. Mittlerweile lernt meine Tochter jeden Tag ein neues Wort – und manchmal sogar zwei. Und jeden Tag auf dem Nachhauseweg vom Kinderladen spielen wir dann gleich die neuen Wörter durch. Wir sind sozusagen eine Papa-Tochter-Kapelle. Ich nenne uns: „Ein-Wort-Dialoge mit Papa featuring Die Kleene“. Ja, noch sind es mehr oder minder Ein-Wort-Dialoge, aber diese kurzen Worte offenbaren schon sehr viel: Zum einen Persönlichkeit und zum anderen mein ganz eigenes Vatersein.

Seit einigen Wochen schon genieße ich die gemeinsame Zeit, die meine Tochter und ich täglich vom Kinderladen nach Hause zusammen verbringen dürfen. Nicht, dass es die einzige Zeit ist, die wir haben. Ganz im Gegenteil. Meist ist sie dann aber besonders redselig und wir zwei sind so ein bisschen unter uns und erkunden gemeinsam den Berliner Stadtdschungel. Ungefähr so darf man sich das dann vorstellen:

Papa: Schau, da ist ein Mann!
Kleene: Krau?
Papa: Seine Frau ist vielleicht Zuhause.
Kleene: Hausse? Katt-zze!
Papa: Die Katze ist zu Hause. Vielleicht haben sie ja aber einen Hund.
Kleene: Wauwau. Pieppieppiep?
Papa: Oh hast Du einen Vogel gesehen?
Kleene: Da.
Papa: Das ist eine Krä-he.
Kleene: Rä-he.
Papa: Genau
Kleene: chrabchrab (Schnappgeräusche)
Papa: Ja, die Krähe sucht was zum essen.
Kleene: So-sse,… Kuh-ke (Gurke)
Kleene: Da, Kr-amm!
Papa: Da fährt die Tram. Die Tram ist gelb.
Kleene: krühn.
Papa: Nee, die ist gelb.
Kleene: Roht!
Papa: Ja, fast. Ok, rüber jetze.

Ich rede ohnehin viel mit meiner Tochter. Und nun antwortet sie sogar. Seit einigen Wochen finden immer mehr Worte Eingang in ihren Wortschatz. Es mag banal erscheinen, aber genau solche längeren Momente, diese auf’s Minimalste reduzierte Konversationen stärken in mir das Bewusstsein, in der Paparolle so langsam doch angekommen zu sein. Wird aber auch Zeit, immerhin spiele ich diesen Part nun schon seit eineinhalb Jahren.

Viel zu viele Männer wissen anfangs gar nicht, wie sie mit dem kleinen Bündel Mensch nach der Geburt am besten umgehen sollen – es könne sich ja schließlich noch nicht einmal artikulieren. Ich wusste aber durch die viele Zeit, die wir zu dritt zu Hause verbracht haben, dass sprechen längst nicht alles ist. Sich in der Paparolle zu finden dauerte dennoch etwas länger. Heute denke ich ohnehin nicht mehr an die schwierige Anfangszeit zurück. Ich denke an das Hier und Jetzt.

Hier und Jetzt genieße ich die Zeit, in der meine Tochter nach mir ruft und mit mir sprechen möchte. Wenn sie am mir zerrt, rückwärts läuft, „Ho-see“ sagt und ich nicht weiß, ob ich nun meine Hose „aus“ziehen soll oder die ihre. Wer hätte gedacht, dass Ein-Wort-Dialoge so ergiebig sein können. Ich beginne mich manchmal zu fragen, ob ich nicht mit Studium und wissenschaftlicher Tätigkeit viel zu viel Zeit verschwendet habe, wenn man das Wichtigste ohnehin schon in so wenigen Worten zusammenfassen kann. Mehr als diese Ein-Wort-Dialoge brauche ich derzeit jedenfalls nicht.


Als Alleinerziehender und bloggender Vater einer vierjährigen Tochter schreibt Johnny über das Leben als Einelternfamilie - und über Kinderbücher.

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  1. Kai

    10 November

    Toller Beitrag. Und genau das ist es, worauf ich mich freue. Mit meiner Tochter erste sprachliche Gehversuche unternehmen und mich trotz relativ knapper Sätze fast blind mit ihr zu verstehen.

  2. […] der Weddingerberg mit der Kleenen unterwegs ist, wird mit Ein-Wort-Dialogen kommuniziert. Herrlich! „Mittlerweile lernt meine Tochter jeden Tag ein neues Wort – und […]

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