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Einschulung in Berlin, oder: Magnum-Größe oder für...

Einschulung in Berlin, oder: Magnum-Größe oder für auf die Faust?

Am Samstag war in ganz Berlin um Punkt 9 Uhr Einschulung. In ganz Berlin? Nein, nicht so ganz. Im nördlichen Wedding sieht man noch weit nach 10 Uhr Eltern samt Nachwuchs und Anhang zum Ort des schulischen Geschehens flanieren. Löblich, wie Eltern ihre Sprößlinge bereits im frühen Alter auf seltsame Phänomene wie Akademiker-Viertelstunde oder auch die populäre Handwerker-Zeitrechnung (irgendwann zwischen 8 und 18 Uhr) vorbereiten. Toll. Eilig hat es jedenfalls niemand. Die Kinder nicht und Erwachsene erst recht nicht. Und nach langer Zeit erinnere ich mich selbst wieder an meine eigene Einschulung – und bin ein wenig erstaunt. Eine Schultütenbetrachtung von außen.

Einschulung, eigene und heute

An den Tag meiner eigenen Einschulung habe ich schon lange nicht mehr gedacht. Warum auch? Viel gibt es in dieser Erinnerung ohnehin nicht mehr zu sehen. Auf Fotos ist indes noch gut zu erkennen, dass meine Schultüte ungefähr halb so groß war wie ich zu der Zeit und damit bereits amtliche Ausmaße besaß. Damit hätte ich mich auch heute noch sehr gut auf der Straße blicken lassen können – ohne den abschätzigen Blick anderer Schultütenträger erdulden zu müssen.

Erst sehr viel später werde ich lernen, dass man mancherorts statt Schultüte auch gern Zuckertüte zu der Kartonage sagt, die in Wirklichkeit überhaupt gar keine Tüte ist. Ich fühlte mich seinerzeit also ganz instinktiv um meine süßen Errungenschaften betrogen, als ich in jener Tüte unnütze Dinge wie Buntstifte, Blöcke, Namenszettel und weiß der Kuckuck, was sonst noch hervorkramen musste. Dinge, die auf dem Schwarzmarkt Pausenhof nicht mal eine halbe Scheibe mit Nusspli wert sind. Und wo wir gerade beim Thema sind: Wussten Sie, dass, wenn man ein Blatt Papier lang genug kaut, es auch süß schmeckt?

Am Samstag war also die diesjährige, soll man sagen: feierliche Initiation? Die Aufnahme in den öffentlichen Orden der Abecedarier? Letztes Jahr, wie schon in den Jahren zuvor ging dieser Tag gedankenlos an mir vorüber. In diesem Jahr nicht. Vielleicht auch, weil die Straße an diesem Tag ein klein wenig bunter ist als sonst. Vielleicht auch, weil ich in diesem Jahr vormittags eben nicht entweder im Bett oder auf Arbeit liege.

Die mir auf der Straße dargestellten Schultüten reichen von der Variante „to go“ im handlichen Wegbier-Format bis hin zur beachtlichen Magnumflaschen-Größe. Warum es ausgerechnet alkoholische Darreichungsformen sind, die mir als erstes einfallen? Auch die Geschwister der frischen Schulkinder bekommen jeweils eine Schultüte in die Hand. Im Ausmaß eines ungleich kleineren Absackers, damit das Besondere der großen Magnum-Schultüte natürlich in keinster Weise beeinträchtigt zu werden droht. So sind denn auch alle Kinderhände soweit gefüllt, dass man nicht Sorge haben muss, sie in fremden Zuckertüten suchen zu müssen. Smarter Nebeneffekt. All das notiere ich mein blaues Büchlein und setze es vorbildlich wie ich bin auf „Wiedervorlage“ – für das Jahr 2525, if Schule is still alive.. oder so.

Der erste Schultag

Montag war also der erste Schultag der kleinen, sogenannten ABC-Schützen. Ein Wort, bei dem ich als alter Geschichtsstudent eher an Ronald Reagan und den kalten Krieg denke, als an Grundschulklassen. Leider hat sich der Begriff „Tafelklässler“ in Berlin nie durchgesetzt. Also bleibt es beim Schützen. Mittlerweile ist sogar schon Dienstag. Auf den Straßen stellt sich langsam so etwas wie ein erster Alltag ein. Kinder laufen mittelmäßig zielstrebig in die Schule – Eltern in sicherer Entfernung hinterher. Manche haben ihre Smartphones in der Hand und manchmal scheint es, als würden sie die reale Position des Kindes mit der auf dem Bildschirm abgleichen. GPS-Kleidung? Smartwatch? Werden hier etwa Kinder überwacht? Oder doch eher der Livestream für die Großeltern? Die Snapchat Story für die friends? Ach, Eltern..

Meine Gedanken zum Thema Einschulung, Schuleintritt, sie sind so diffus, wie die Pizza-Bestellung meines Nachbarn, wenn er wieder seine Pflanzen geerntet hat. Sie verstehen schon, was ich meine. Einerseits kann man Kinder gar nicht lange genug auf die Freuden der Schule vorbereiten. Andererseits habe ich mich ganz bewusst gegen eine Kita-Betreuung entschieden, die ihren Unter- wie Über Dreijährigen jede Woche Mathe- und Physikunterricht anbot. Ein Kind soll solange wie möglich Kind bleiben dürfen. Auch Schulkinder sind noch Kinder, oder? Grau ist alle Theorie. Und wie schon zuvor an dieser Stelle abermals und dieses Mal wohl endgültig von Gebrüll vor dem Fenster unterbrochen: „Alle in die Schule, jetzt geht’s los!“ singen die ehemaligen Herrscher der Straße, die von weitem noch immer wie die kleinen Kita-Kinder von letzter Woche aussehen. Ach, Kindersingen und zwar ganz ohne erwachsene Steuerung. Eigentlich ist’s ja auch ein schöner Abschluss für einen neuen Lebensabschnitt. Ich bin schon gespannt, wie das bei uns mal werden wird.. so in 20 bis 500 Jahren..


Als Alleinerziehender und bloggender Vater einer vierjährigen Tochter schreibt Johnny über das Leben als Einelternfamilie - und über Kinderbücher.

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