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Elternbuch: „Papa kann auch stillen“ von Stefanie Lohaus und Tobias Scholz – Goldmann Verlag

Auf 220 Seiten beschreibt die Eltern Stefanie Lohaus und Tobias Scholz jeweils abwechselnd und in herzoffenen Worten, wie sie als absolut gleichberechtigte Partner das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf für sich zu meistern suchen. Ihre Lösung lautet: 50/50-Prinzip.

Nicht in die Geschlechterfalle tappen

Jeder Vater weiß, dass sich bereits mit den Tagen der Schwangerschaft gewisse Automatismen in den frischfamiliären Alltag einschleichen. Das üppige Schwangerenbüfett am Abend ist noch eines der harmloseren. Die hochgradig ansteckende Schwangerschaftsdemenz mit ihren ausgeprägten Panikphasen? Schon eine Herausforderung.

Doch es gibt auch schwerwiegendere Automatismen. Jene, die man nicht so schnell wieder rückgängig machen kann. Wie sonst ist es zu erklären, dass in überdurchschnittlich vielen Familien die Frauen sehr viel häufiger und länger in Elternzeit bleiben als ihre Männer? Letztere versorgen die Familie, weil sie tiefer im Job stecken oder mehr verdienen. Wohingegen sich die Frauen um die Aufzucht der Jungen kümmern und die eigene Karriere vorläufig auf Eis gelegt wird.

Konsequenz: Frust zuhause, ein vom Alltag ausgeschlossener Vater und keine Chance, daran mittelfristig etwas zu ändern. Aber lässt sich dieser Automatismus wirklich verhindern?

Das 50/50-Prinzip

Stefanie Lohaus und Tobias Scholz bieten keine universelle Antwort auf diese Frage. Sie umschreiben lediglich den eigenen Versuch, sich des Themas mit offenem Visier zu stellen: Mit viel Selbstreflektion, Offenheit und permanentem Verhandeln im Alltag. Dass dies nicht immer ohne Reibung und schon gar nicht ohne Zweifel geschieht, gehört zu der erfrischenden Ehrlichkeit, mit der dieses Buchs seine Leser umglückt. Zitat: „»Du nervst« ist ein Satz, den man in dieser Zeit bei uns ebenso oft zu hören bekommt wie »I love you«“

Sie nennen es: Das 50/50-Prinzip. Das bedeutet, beide Partner teilen sich gleichberechtigt die wie sie es nennen „Familienarbeit“. Beide haben ihre festen Aufgaben und beteiligen sich gleichberechtigt am Haushalt, an der Kinderbetreuung und natürlich: auch an der Elternzeit. Beide bleiben Teil des familiären Alltags ohne vom Beruf zeitlich vereinnahmt zu werden. Beide bleiben Teil der Berufswelt ohne unter dem Druck familiärer Erwartungen langsam zermürbt zu werden. Und das alles trotz Stillens. Eine Herkules-Aufgabe, die auf den zweiten Blick aber machbar scheint.

Ich bin Vater, aber bin ich auch modern?

Als frischer Vater bin ich natürlich an beiden Elternseiten interessiert. Wie sieht der Vater seine Rolle, was erwartet die Mutter? Und genauso beginnt das Buch. Man lernt die beiden Protagonisten kennen und begibt sich gemeinsam auf die Reise: Vom positiven Schwangerschaftstest, über die ersten Gespräche bis hin durchs erste Jahr mit Kind.

Als Vater gelesen hat dieses Buch eine besondere Überraschung parat: Es gibt immer wieder Anlass, auch sich selbst im Hinblick der gerechten Verteilung von Haushalt, Versorgung und Beruf zu hinterfragen. Bin ich wirklich so modern, wie ich denke? Was tue ich wirklich und wo bin ich vielleicht bequem geworden? Und überhaupt, warum sieht Familienleben heute eigentlich so aus wie es aussieht?

Ich stimme dem Autor zu, wenn er ausführt, dass medial zwar der Typus des aktiven Vaters herbeigeredet würde, auf den Strassen aber, in der UBahn oder in den Fußball-Tippgemeinschaften er nirgends anzutreffen ist. An dieser Stelle könnte der gesamte Abschnitt „50/50 statt 90/60/90“ Wort für Wort stehen, so gut ist er.

Das Beste zum Schluss

Als Paar, das gerade zu einer Familie geworden ist, Verantwortung und Versorgung zu gleichen Teilen zu übernehmen. Das ist das partnerschaftliche Ideal vielleicht. Als frischer Vater habe ich über eine solche Aufteilung nie nachgedacht. Meine Partnerin nahm als Angestellte die volle Elternzeit und ich habe als Selbstständiger drastisch auf halbtags reduziert. Unsere Aufteilung hatte und hat eine andere Gewichtung.

Ein 50/50-Arrangement zu einem Prinzip zu erheben, das erscheint im ersten Moment vielleicht etwas übertrieben. Aus eigener Erfahrung aber weiß ich, dass man selbst als frische, aufgeschlossene Eltern sehr schnell in gewisse Rollen-Automatismen fallen kann. Und ehe man sich versieht, ist man in der frustrierenden Geschlechteraufteilung gefangen. Das 50/50-Prinzip kann ein Wegweiser sein, genau diese Fallen zu vermeiden. Davon bin ich überzeugt.

Fazit

„Papa kann auch stillen“ ist ein spannender Elternbericht, der entwaffnend ehrlich den Weg zu einem gleichberechtigten Familienmodell beschreibt. Als unterhielte man sich vertraut zu dritt, alle Karten auf’m Tisch. Und wie das oft mit Freunden ist, die Zeit vergeht wie im Flug und auf einmal ist das Buch zu Ende.

Unbedingte Empfehlung für Väter wie für Mütter, die neben einem spannenden Familienkonzept auch mal einen tiefen Blick in die Gefühlswelt anderer junger Eltern riskieren mögen.


Als Alleinerziehender und bloggender Vater einer vierjährigen Tochter schreibt Johnny über das Leben als Einelternfamilie - und über Kinderbücher.

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