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Jedem Kind ein Zuhause: Als Kinderdorfvater in ein...

Jedem Kind ein Zuhause: Als Kinderdorfvater in einem SOS-Kinderdorf – ein Papa-Interview

„Wir gehen ins SOS-Kinderdorf mit den Kindern turnen“, hieß es eines Morgens. Ohne dass ich wirklich wusste, wie ich diese Information hätte verarbeiten sollen, blieb in meinem Kopf eigentlich nur der Begriff „Kinderdorf“ hängen. Moment mal, das gibt’s doch nur in Krisenregionen, oder? Berlin hat keinen guten Ruf, aber so schlimm ist es jetzt doch aber auch nicht. Aber natürlich gibt es auch vor unserer eigenen Haustür (traumatisierte) Kinder, die dringend ein festes Zuhause mit festen Strukturen brauchen. Eine Familie, die sie auf das Leben vorbereitet. Kürzlich hatte ich das Glück, mit einem der wenigen Kinderdorfväter über seine Arbeit und seinen Alltag im SOS-Kinderdorf Sauerland sprechen zu können. Ein persönlicher Einblick in eine Welt, die gar nicht genug Beachtung bekommen kann!

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Was ist der SOS-Kinderdorfverein in Deutschland eigentlich?

Dass es in Tirol bereits im Jahr 1949 zum ersten Mal ein SOS-Kinderdorf seine Pforten öffnete, hätte ich mir ja so kurz nach Weltkriegsende auch nicht träumen lassen. Dass aber natürlich besonders die ersten Jahre nach den Zerstörungen auch viele traumatisierte und verlassene Kinder gegeben habe dürfte, leuchtet aber natürlich sofort ein. Bis heute hat sich die Idee, Kindern mit Verlusterfahrungen ein neues Zuhause zu geben, welches sie perspektivisch auf eine selbstbestimmte Zukunft vorbereiten soll erhalten. „Jedes Kind soll in einer Familie aufwachsen – geliebt, beachtet, gefördert und behütet“ – wie sollte man dem widersprechen.

Und so stelle ich fest, nachdem ich wohl mehr als Dutzend Mal daran vorbeigelaufen bin, dass es derzeit in Deutschland nicht nur ein SOS-Kinderdorf hier in Berlin, sondern mittlerweile 16 dieser Einrichtungen gibt. Aktuell leben dort mehr als 600 Kinder. Darüber hinaus gibt es aber auch viele weitere Einrichtungen sowie Angebote, die sich auch andere Zielgruppen bzw. auch an die Nachbarschaft des Dorfes richten. Wie genau die gesamte Kinderhilfsorganisation aufgebaut ist, erfahrt ihr übrigens auch im Portal.

Der Johnny als SOS-Kinderdorfvater?

Die vier Grundprinzipien von Hermann Gmeiner, Gründer des ersten SOS-Kinderdorfes in Österreich, sind bis heute erhalten geblieben: Jedes Kind braucht eine Kinderdorfmutter bzw. einen Kinderdorfvater, es braucht Geschwister, ein Haus sowie ein Dorf. Es ist ein geschützter Mikrokosmos, der strukturell im Grunde genau das abbildet, wie wir auch sonst außerhalb des SOS-Kinderdorfs leben. Es klingt im ersten Moment so einfach, doch dahinter stecken natürlich Menschen, die all das erst einmal leisten müssen. Allein der tägliche Kontakt mit den verschiedenen Traumata, teils auch Verwahrlosungen, das Planen ihres Alltags, das Auffangen und Vorbereiten.

Mich wirft es ein wenig hin und her, denn einerseits habe ich großen Respekt vor dem, was das Team rund um die Kinderdorfmütter und -väter leistet. Andererseits sehe ich aber auch vieles, was genau zu mir persönlich, meiner Ausbildung und meinen Interessen passt. Aber im Grunde weiß ich natürlich nur wenig über den praktischen Alltag im SOS-Kinderdorf. Umso mehr freut es mich, kürzlich ganz unverhofft die Möglichkeit bekommen zu haben, mich mit einem der wenigen Kinderdorfväter einmal auszutauschen. Wie das eigentlich so ist, als Papa mit eigenem Kind und gleichzeitig Kinderdorfvater im SOS-Kinderdorf. Und was einen Mann überhaupt dazu bringt, eine solche Tätigkeit anzustreben.

Das Interview mit SOS-Kinderdorfvater Michael Schulte, 31 Jahre alt

Johnny: Hallo Michael, vielen Dank schon mal für Deine Zeit. Ich will auch sofort zum Punkt kommen: „Mama vom Dienst“, „Von Beruf Mutter“: Wenn man sich über das Berufsfeld ErzieherIn im SOS-Kinderdorf informiert, sieht man eigentlich nur sogenannte Kinderdorfmütter. Auch, weil es natürlich wesentlich mehr Kinderdorfmütter als denn Kinderdorfväter gibt. Du bist als Kinderdorfvater im SOS Kinderdorf Sauerland tätig. Wie bist Du ganz persönlich auf die Idee gekommen, diesen Weg einzuschlagen?

Michael: Meine Oma hatte die Stellenanzeige des SOS-Kinderdorfs Sauerland in einer Zeitung gelesen und mir davon berichtet. Ich suchte gerade eine neue Herausforderung. Nach einer ausführlichen Recherche über den Arbeitgeber und den Aufgabenbereich bewarb ich mich als Erzieher in einer Kinderdorffamilie und wurde auch prompt eingestellt.

Die enge Arbeit mit den Kindern und der damit verbundene Beziehungsaufbau hat mir besonders gut gefallen. Damals habe ich die Kinderdorfmutter in ihren freien Tagen vertreten und dann auch im Kinderdorf geschlafen. In diesen Zeiten wurde die Arbeit noch intensiver und ich habe das sehr genossen. Auf der anderen Seite vermisste ich meine eigene Familie, meine Frau und meinen damals 5-jährigen Sohn, in den Vertretungszeiten stark.

Aus diesen und noch anderen Gründen haben wir letztlich angefangen uns Gedanken zu machen, ob eine eigene Kinderdorffamilie nicht auch etwas für uns wäre. Diese Gedanken habe ich schließlich mit meiner Vorgesetzten geteilt, die dafür offen war. Als dann ein Haus im Kinderdorf ausgebaut wurde, wurden wir direkt angesprochen. Über ein Jahr wurden wir von der Kinderdorfleiterin intensiv begleitet, um zu schauen ob es für uns jetzt tatsächlich die richtige Entscheidung ist. Und jetzt, 3,5 Jahre später, bin ich immer noch davon überzeugt, dass wir uns richtig entschieden haben.

Johnny: Wie haben Bekannte und Freunde eigentlich auf Deine Entscheidung reagiert? Und wie würdest Du ihnen heute Deine Tätigkeit beschreiben? Immerhin bist Du ja kein Einzelkämpfer, sondern arbeitest im Team, oder?

Michael: Richtig, ich arbeite in einem professionellen Team. Meine beiden Kollegen sind genauso wie ich Erzieher. In der heutigen Zeit mit den vielen verschiedenen Terminen und Anforderungen wäre es sonst nicht möglich den sechs, mitunter stark belasteten, Kindern gerecht zu werden und sie in ihrer individuellen Entwicklung zu fördern.

Wenn ich meine Tätigkeit beschreiben würde, würde ich eventuell etwas sagen wie: „Ich bin Kinderdorfvater und Familienmanager.“ Ein Großteil meiner Arbeit ähnelt der eines Vaters oder einer Mutter, der zu Hause bleibt. Ich kümmere mich um die Kinder, versorge und umsorge sie. Ich halte unser Haus sauber, putze, koche und wasche die Wäsche. Ich bin stets die Ansprechperson für die Kinder. Hierbei ist mir sehr wichtig, dass ich nicht den Vater oder die Mutter der Kinder ersetzen möchte. Jedes Kind hat eigene Eltern und dies bleibt auch immer so. Wir versuchen immer in Kontakt mit den leiblichen Eltern zu bleiben und, sofern die Kinder das auch möchten, Besuche zu vereinbaren und durchzuführen. Ich bin einfach Michael und die Kinder dürfen mich so annehmen und Teil der Familie werden, so wie sie es selber möchten.

Der Familienmanager in mir hat noch weitere Aufgaben: Ich bin für das Team verantwortlich. Ich erarbeite den Dienstplan, führe pädagogische Gespräche mit den Kollegen, führe die Teamsitzung. Ich organisiere den Alltag mit den verschiedensten Terminen, u.a. mit Therapeuten, mit dem Jugendamt, mit der Einrichtungsleiterin, etc.

Mit der Entscheidung, dass wir ins SOS-Kinderdorf ziehen und dort leben, ist meine Familie unterschiedlich umgegangen. Dazu muss ich sagen, dass meine Eltern seitdem ich 3 Jahre alt war geschieden sind und ich bei meiner Mutter aufgewachsen bin. Meine Oma und meine Mutter waren von meiner Idee begeistert und überzeugt. Als es klar war, das ich Kinderdorfvater werde, haben sich Beide sehr gefreut, sich sehr für meine Erfahrungen interessiert und waren sicher, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe.

Mein Vater war am Anfang skeptisch. Er war sich unsicher, ob es wirtschaftlich reicht für mich. Er selber ist Unternehmensberater und ihm ist die Wirtschaftlichkeit sehr wichtig. Dennoch habe ich ihn durch viele Gespräche von der Sinnhaftigkeit meiner Tätigkeit überzeugt. Nun akzeptiert er meine Arbeit.

Johnny: Ich muss ja zugeben, den Beruf des Kinderdorfvaters finde ich persönlich auch sehr reizvoll. Allerdings ist meine Tochter gerade einmal drei Jahre alt – angeblich noch etwas zu jung für diesen arbeitsintensiven Beruf. Wie ist das denn in Deiner Familie? Immerhin hast Du ja auch eine eigene Familie mit Kind?

Michael: So klein ist mein Kind nicht mehr. Er ist jetzt 11 Jahre alt und geht bereits auf eine weiterführende Schule. Als wir hier angefangen haben, war er 8 Jahre alt. Wir haben uns genau damit beschäftigt, wann der richtige Zeitpunkt für unser Kind ist. Ich glaube, dass dies ganz unterschiedlich von Kind zu Kind ist und es in jedem Alter Vor-/ und Nachteile gibt. Wenn du mit deinem Kind so frühzeitig eine SOS-Familie aufbaust, könnte es für das Kind sehr schnell selbstverständlich sein in einer Kinderdorffamilie groß zu werden. Im Alter meines Sohnes lag der große Vorteil darin, dass er alle als Freunde gesehen hat. So konnte er mit den Kindern aus dem Haus schnell in Kontakt kommen und diesen auch vertiefen. Wenn das Kind älter, vielleicht schon 14 Jahre alt ist, dann ist es normalerweise ohnehin in einem Alter, in dem die Jugendlichen sich langsam verselbstständigen. Wie gesagt, ich glaube das Wichtigste ist, sich das von Kind zu Kind differenziert anzuschauen.

Johnny: Es klang ja schon ein wenig an, aber der Beruf des Kinderdorfvaters ist emotional natürlich unglaublich fordernd – stelle ich mir zumindest so vor. Was tust Du eigentlich, um Dich in Balance zu halten?

Michael: Psychohygiene ist ein wichtiges Thema im Erzieherberuf. Ich denke auch, dass es von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich ist, welche Methoden helfen um sich in Balance zu halten. Es gibt aber einen großen Unterschied zwischen einem Kinderdorfvater und klassischen Erziehern: Ich fahre nicht nach acht Stunden Arbeit nach Hause, um mich dort zu erholen. Ich lebe auf der Arbeit und versuche mich auf der Arbeit entsprechend in Balance zu halten. Dies war am Anfang schon eher herausfordernd. Umso länger ich nun hier lebe, desto mehr wird es mein zu Hause. So entsteht schon mal weniger Stress. Diese emotional fordernden Erlebnisse sind ein großer Teil meiner Arbeit, die auch die Beziehung zu den Kindern stärkt. Also je herausfordernder die Situationen werden, desto intensiver sind danach die Beziehungen zu den Kindern. Dadurch, dass die Beziehungen intensiver werden, werden die Momente, die ich mit den Kindern erleben darf, auch immer ehrlicher und schöner. Das zu erleben, hilft mir enorm mich in Balance zu halten. Außerdem baue ich Stress über Gespräche mit meiner Frau, meinen Kollegen und meinem Bereichsleiter ab. Zusätzlich kann ich mich auch selbst gut beruhigen. Am meisten helfen mir allerdings positive Erlebnisse mit den Kindern.

Johnny: Jetzt mal ganz ehrlich und mal so ganz unter uns: Was würdest Du jemanden raten, der sich ebenfalls für den Beruf des Kinderdorfvaters bzw. der Kinderdorfmutter interessiert? Gibt es da etwas, das Du vorher schon ganz gern gewusst hättest? Oder vielleicht andersherum: Gibt es etwas, was Dich besonders überrascht hat?

Michael: Ich hätte viele Ratschläge für jemanden, der sich überlegt Kinderdorfvater bzw. Kinderdorfmutter zu werden.

1. Lass dir Zeit. Die Entscheidung ist nicht nur für dich wichtig. Je nachdem, ob du das mit deiner Familie machen möchtest, entscheidest du auch für diese mit. Und du entscheidest auch für die Kinder, die du aufnehmen würdest. Sie werden ein Teil deiner Familie und haben es verdient eine zuverlässige Beziehung erleben zu dürfen.

2. Hole dir Hilfe. Frage bei deiner Familie, Freunden und Partnern, wie sie das einschätzen. Frage bei uns im Kinderdorfverein nach. Wir haben Informationen, bieten auch Gespräche und Hospitationen an, um sich ein genaueres Bild des Berufes machen zu können.

3. Erfahrung. Wenn du bereits die Ausbildung zum Erzieher hast, bewerbe dich bei SOS-Kinderdorf und arbeite in einer Kinderdorffamilie für einen längeren Zeitraum mit. So kannst du direkt einen Einblick in die Arbeit eines Kinderdorfvaters bzw. einer Kinderdorfmutter erhalten. Sofern du kein Erzieher bist, mache eine berufsbegleitende Erzieherausbildung bei SOS-Kinderdorf. So erhältst du ebenfalls einen tieferen Einblick in die Arbeit eines Kinderdorfvaters bzw. einer Kinderdorfmutter.

4. Lass dir noch mehr Zeit. Ich habe drei Jahre in einer Kinderdorffamilie gearbeitet. Danach wurden meine Familie und ich über ein Jahr intensiv beim Entscheidungsprozess begleitet. Trotzdem war mir nicht alles so bewusst, wie es jetzt ist. Es hat mich überrascht, wie flexibel und spontan ich oft sein muss. Es wird nie langweilig in unserem Haus, denn jeden Tag passieren unvorhersehbare Ereignisse, auf die ich dann reagieren muss. Besonders überrascht hat mich das Verantwortungsgefühl gegenüber den Kindern. Ich kannte vorher das Gefühl mich um Kinder zu kümmern, ob es im Kindergarten, Grundschule oder auch in der Jugendhilfe war. Aber das jetzige Gefühl, das sechs Kinder bei mir leben, für die ich mich voll verantwortlich fühle ist viel stärker, als ich gedacht hätte.

Johnny: Michael, vielen lieben Dank, dass Du trotz Deiner sehr eng bemessenen Zeit noch die Muße hattest, mir und meinen Fragen parat zu stehen.

Und wer jetzt doch nochmal genauer nachschauen möchte, hier noch einmal der Link zum Portal, auf dem nicht nur alle Zahlen, sondern auch alle Standorte und Angebote miteinander versammelt sind. Auch gibt es dort viele Möglichkeiten, sich für das SOS-Kinderdorf zu engagieren – nicht nur finanziell, sondern auch ganz tatkräftig! Besonders zur Weihnachtszeit ist jede Hilfe willkommen – klar, ist ja auch die beliebteste Jahreszeit bei Kindern, ne!

(Bildrechte: SOS-Kinderdorf e.V., Mika Volkmann)


Als bloggender Vater einer dreijährigen Tochter schreibt Johnny über das Familienleben zwischen Kita, Kleinkind und Vereinbarkeit.

  1. Imke

    29 November

    Hallo Johnny,
    starkes Interview, vielen Dank fürs Teilen. Habe es wirklich gern gelesen.
    Grüße aus dem Norden,
    Imke

  2. Kasia

    30 November

    Ich habe mich immer gefragt, warum es auch SOS Dörfer bei uns gibt. Vielen Dank für das interessante Interview, Johnny.

    Kasia

  3. Sabine

    3 Dezember

    Es ist gut, dass es Einrichtungen gibt, die sich vor der großen Flüchtlingskrise und auch danach um die kümmern, die es am drängensten haben. Danke auch für das Interview. Mehr Männer sollten in diesen Beruf gehen.

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