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Gedanken zu Jesper Juul: Über Mediennutzung und Familieninseln

Leitwölfe sein Jesper Juul Mediennutzung

„Smartphones haben auf der Familieninsel nichts zu suchen“, sagte Jesper Juul in dieser Woche. Seltsam. Zwar kenne ich nicht allzu viele Bücher von ihm, war aber der felsenfesten Überzeugung, eine Familie wäre wie ein Wolfsrudel. Ist’s vielleicht ein Wolfsrudel auf einer Insel? Hat man da überhaupt Empfang? Gibt’s da Roaming? Trotz der Verwirrung: In einigen Punkten muss ich dem alten Herren zustimmen, auch wenn er übertreibt. Mediennutzung, besonders mit Kleinkind ist eine komplizierte Angelegenheit – aber auch nicht neu.

Jesper Juul, oder wie ich ihn manchmal nenne: Der Meister der schwammigen Übertreibung. Der Rufer vom Elfenbeinfamilienturm. Bisher konnte ich in seinen Texten nur wenig bis gar nichts zum Thema Mediennutzung bzw. Smartphone entdecken – bis es mir in dieser Woche dann tatsächlich einfach vor die Füße fiel.

Sein Schweigen begründet Juul mit fehlenden bzw. widersprüchlichen Ergebnissen der modernen Hirnforschung, lässt seinen Zeilen aber ohnehin rein gar nichts von diesen Ergebnissen anmerken. Alles, was er schreibt, schreibt er wie immer aus psychologischer Warte heraus. Das bedeutet auch, das er es in der Form dann aber auch schon vor fünf Jahren hätte schreiben können. Es drängt sich ein wenig der Eindruck auf, daß ihm als älterem Semester das Thema Smartphone und dessen Nutzung nicht ganz so leicht fällt. Ich selbst kenne das von mir aber auch, ich will es ihm also auch gar nicht vorwerfen. Und fragen Sie mich bitte niemals nach Musically!

So schießt Jesper Juul an manchen Stellen allerdings auch weit über das Ziel hinaus. Es braucht keine bunte Box, wo alle ihr Handy hineinlegen, bevor sie sich zu Tisch setzen. Und haben Sie schon einmal probiert, ihren Arbeitgeber darüber zu informieren, dass sie ihr Handy gleich für eine bestimmte Zeit weglegen werden? Sehen Sie.. während wir also auf dem Elternbrunch letztes Jahr noch über Zeitkontingente für die kindliche Medien- und Smartphone-Nutzung der Kinder gesprochen haben, erweitert Jesper Juul dieses Konzept kurzerhand auf die gesamte Familie – und übrigens auch auf die Schule.

So weit, so richtig wahrscheinlich auch. Aber: Die von ihm im Verlauf des Textes angeführten Beispielsätze im Stil von „Entschuldige Schatz, da muss ich rangehen!“ oder „Schatz, ich muss X noch schnell machen! Dauert nur eine Minute“ gibt es, seitdem es Telefone und Kinder gib. Das sind keinesfalls exklusive Sätze für elterliche Handynutzer. Man sagt sie gerne auch mal beim Abwaschen, klingt dann eben nur leicht anders. Ungefähr wie „Schatz, gleich, ich hab grad nasse Hände!“ Auch ohne Smartphone ist die Botschaft für das Kind wahrscheinlich die gleiche. Etwas anderes ist im Moment wichtiger. Handys und Abwasch? Zugegeben, ich weiß nicht, wie es bei Ihnen ist, aber natürlich schleppt hier sonst niemand den Abwasch ständig mit sich herum – im Gegensatz zum Handy. Also meistens jedenfalls nicht. Darin mag durchaus ein Unterschied bestehen.

Meine persönliche Smartphone-Geschichte

Zitat: „Das Kind macht die sehr präzise Beobachtung: «Etwas Anderes ist meinen Eltern wichtiger ist als ich.» In den frühen Jahren entscheiden sich Kinder dafür, den Worten ihrer Eltern zu glauben. Dies führt sie irgendwann zu einem Punkt, an welchem sie beginnen, ihre eigenen Gefühle anzuzweifeln. Ein weiterer grosser Teil ihres Selbstwertgefühls geht damit verloren.“

Eine Zeit lang, es geschah schleichend und ich hätte es beinah gar nicht mitbekommen, da habe ich öfter zum Handy gegriffen, während meine Tochter frühstückte. Wir waren zu zweit. Irgendwann habe ich es bewusst weg gelassen – und plötzlich waren auch die Frühstückszeiten wesentlich entspannter und vor allem: interessanter. Tochter und ich verbrachten die Zeit schlichtweg ungeteilt gemeinsam. Davon hatten wir beide etwas. Kleine Maßnahme, große Wirkung und wahrscheinlich ist’s im Grunde genau das, was Jesper Juul in dem obigen Zitat zu sagen versucht.

Mediennutzung: Ja! Familieninsel: Nein!

Jesper Juul hat im Bezug auf Mediennutzung in der Familie nichts Neues gesagt, sondern bloß Bekanntes adaptiert und angepasst. Das macht es in der Sache aber auch nicht weniger wahr. Aber: Das Internet ist überall. Außer, sie wohnen in bestimmten Gegenden von Schleswig-Holstein oder Hessen. Dann haben Sie natürlich Glück gehabt. Oder eben Pech. Keine Familie und kein Mensch kann jedenfalls ernsthaft von sich behaupten, eine Insel zu sein.

Spätestens seit LOST wissen wir: Alles ist miteinander verbunden. Oder wie Tony Mahony einst sagte: „Allet is eins!“ Das von Juul verwendete Bild der „Familieninsel“ ist nichts weiter als gefährlich romantisierende Rhetorik. Bleiben wir also doch lieber bei dem Bild des Wolfsrudels. Auch das ist zwar kaum passender als das Inselbild, aber wenigstens ist es etwas weniger romantisierend aufgeladen.

Um das jetzt abschließend mal auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu bringen und zwar so, dass auch Schnitzel-Manfred aus’m Untergeschoss es versteht: Eltern, nehmt euch ungeteilte Zeit für eure Kinder. Zeigt ihnen, dass sie wichtig sind. Wichtiger als das Smartphone. Dann werden sie später hoffentlich auch selbst ein besseres Verhältnis zu euch und zu ihren eigenen Smartphones (oder was es dann sonst noch so gibt, was man unter Mediennutzung versteht) haben. Oder? Oder!

Bitte, gerne.

Jesper Juul: Smartphones haben auf der Familieninsel nichts zu suchen


Als Alleinerziehender und bloggender Vater einer vierjährigen Tochter schreibt Johnny über das Leben als Einelternfamilie - und über Kinderbücher.

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  1. Anonymous

    5 Februar

    Ich glaube, du hast den Text ein bisschen Missverstanden…
    Es geht nicht darum, dass Smartphones in Familien-Zeiten nix zu tun haben, sondern darum, dass man Familien-Inseln schafft…z.B. 2-3 Stunden mal ohne Handy. Und mal 2-3 Wochen ohne Medien…

    Und natürlich während der Mahlzeiten etc….
    Auch Arbeitgeber müssen einsehen, dass man morgens um 5 oder Abends ab 17 Uhr nicht zwangsläufig mehr erreichbar sein muss…

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