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Ich hatte einen Traum: Gedanken zur Kita-Qualität

Ich hatte einen Traum: Gedanken zur Kita-Qualität

Kita-Qualität, Bertelsmann Stiftung

Betreuungsqualität gleich Kita-Qualität? Ich hab‘ das mal eben durchgerechnet: Um bundesweit alle Krippen wie Kindergärten mit ausreichend Betreuung zu versorgen, vorhandenes ausgebildetes Personal mal ganz wild vorausgesetzt, müsste der Bund von jetzt auf gleich 4,835 Milliarden Euro ausgeben (laut Ländermonitor „Frühkindliche Bildungssysteme“). Für diese Summe bekommt man ja nicht einmal einen funktionierenden Flughafen. A propos: Ich hatte mal einen schönen Traum, wie man zumindest in Berlin das Problem angehen könnte. Naja,.. vielleicht.

Bei Licht betrachtet, ist’s schon eine gigantische Summe: 4,8 Milliarden Euro. Selbst in Britischem Pfund umgerechnet klingt’s noch schier unglaublich: 4,1 Milliarden. Um das aber mal in eine wirklich relevante Größe umzurechnen und zwar so, dass auch der gemeine Berliner versteht, worum es hier eigentlich geht: 4,8 Mrd. – das ist genau eine fehlerhafte Entrauchungsanlage am BER-Flughafen. Oder einfach mal zwei Drittel des gesamten Investitionsvolumens eines nicht funktionierenden Hauptstadtflughafens. Für die Schwaben unter uns, denn die will ich natürlich nicht vergessen: Das ist fast genau die Summe, die man im Jahr 2009 für den neuen Stuttgart 21 Bahnhof errechnet hatte. Hach, damals, wisst ihr noch?

Man kann sich natürlich in kleineren Einrichtungen auf die Schulter klopfen und sagen, dass man tendenziell und sowieso schon immer den besseren Betreuungsschlüssel gehabt habe. Dass man auch deswegen in der Lage sei, die Kinder viel besser versorgen zu können. So ganz kann man sich der Diskussion dennoch nicht entziehen. Wie wir nämlich durch die Qualitätsumfrage vom ZEIT ONLINE gelernt haben: Betreuungsschlüssel ist leider nicht alles. Oder um das in den erstaunlichen Worten von Jörg Dräger, dem Vorstand der Bertelsmann Stiftung auszudrücken: „Der Kita-Besuch allein verbessert nicht die Bildungschancen der Kinder. Es kommt auf die Qualität der Angebote an.“

Und alle engagierten Eltern, PädagogInnen und Kinderladen-Quetschies so: „Ach wat, nee, merkste selber, ne!“ Die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Doreen Siebernik sagt in diesem Zusammenhang erklärend übrigens das hier:“Da spielt auch das niedrige Gehalt der Erzieherinnen hier eine Rolle, da muss Berlin attraktiver werden.“ Generisches Maskulinum? Und alle politischen Kommunikationsagenturen so „Orrr..!“ Ist sie mit dieser Aussage nun proaktiv in die Gehaltslückendiskussion vorgeprescht? Oder hat sie hier ihren persönlichen Vorurteilen gegenüber einer ganzen Berufsgruppe einfach freien Lauf gelassen? Ein Schelm, der hier Böses dabei denkt.

Universität für eine bessere Kita-Qualität?

Dass derzeit an verschiedenen Stellen offen über die Qualität von Kinderbetreuung geredet wird, lässt mich tatsächlich etwas ruhiger werden. Ja, so habe ich auch erst geguckt. Wer wissen möchte, wie der Alltag dieser Betreuung teilweise aussieht, kann sich unter dem zeitweise trendenden Hashtag „#kinderinderkita“ auf Twitter übrigens ein sehr subjektives Bild verschaffen.

Es gibt viel Gutes:

Wie es auch Schlechtes gibt:

(Achtung, Ironie:) Oh und wo sind die Papas?

Was ich aber nicht verstehe: Als unbedingter Uni-Skeptiker erschließt sich mir die politische Forderung nach Verwissenschaftlichung der Ausbildung einfach nicht. Wie genau erhöhen Bachelor-Abschlüsse in Pädagogik die Qualität der Betreuung – mal so ganz menschlich gefragt? Bildung ist Ländersache. Ist der politische Wunsch nach stärkerer universitärer Ausbildung von Erzieherpersonal vielleicht nichts weiter als der versteckte Wunsch nach einer einheitlich geregelten, zentralen Ausbildung?

Alles, was ich über das Leben gelernt habe, habe ich weder in der Schule, noch auf dem Campus gelernt. Meine Tochter nimmt es hier mit allen 22jährigen Bachelor-HalterInnen auf, so viel kann ich Ihnen jetzt schon mal versprechen. Empathie und Zugewandtheit lernt man nicht an der Universität. Man lernt dort auch nicht den Umgang mit Kindern. Den lernt man in der Praxis – und selbst dann bleibt es eine menschliche Frage. Mit Praxis meine ich übrigens weder das sechswöchige Orientierungspraktikum, noch das 240 Stunden Praktikum innerhalb des Studiums.

Vor einigen Nächten hatte ich einen Traum: Ich eröffnete einen altersgemischten Kinderladen – und zwar im leeren BER-Flughafen! Kleine Gruppen, fröhliche Erzieher und eine Leitung, die Zeit zum leiten hatte. Zugegeben, sehr realistisch ist das nicht. Praktikabel wahrscheinlich noch weniger, aber das hat uns in Berlin ja bisher auch von nichts abgehalten. Und vielleicht ändert sich ja doch noch etwas. Es muss ja nicht gleich ein nutzbarer Flughafen sein. Eine zugewandte Kinderbetreuung, die sich auch die Zeit dafür nehmen kann, würde ja schon völlig ausreichen.


Als Alleinerziehender und bloggender Vater einer vierjährigen Tochter schreibt Johnny über das Leben als Einelternfamilie - und über Kinderbücher.

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  1. Zentrale Prüfungen sind immer gut. Nur so sind sie vergleichbar und es gibt nicht so einen Wildwuchs wie vor dem Zentral-Abitur. Da gab es „gute“ Abitururkunden von Bundesländern mit vollerem Lehrplan und „schlechtere“. Erste wurden zum Studium eher zugelassen und bekamen einen Bonus.

    Inzwischen sind auch viele IHK Prüfungen zentralisiert. Warum auch nicht die Prüfungen für die Erzieherausbildung?

    Dass deine Rechnung eine ziemlich grobe Sache ist, weißt du sicher. Jeder kann sich mit gutem Grund über BER aufregen, aber das hat wenig mit Kitas zu tun. Das eine sind einmalige Kosten und eine Kita Finanzierung sind regelmäßige Kosten. Wenn du jedes Jahr 3 Milliarden ausgeben möchtest musst du irgendwo Geld abknapsen und es reicht nicht einen Kredit aufzunehmen der sich in x Jahren wieder refinanziert. Das sind fundamental unterschiedliche Dinge…

    Ich halte es für wesentlich sinnvoller staatliche Zuwendungen an der Qualität einer Einrichtung auszurichten. Gute Qualität wird dann auch finanziell vorteilhaft für den Betreiber. Nur darf es dann nicht so ein halbgarer Kompromiss wie der „Pflege-TÜV“ sein. Was es da auch zu bedenken gibt ist, dass sehr viel Geld in Kinserbetreuung steckt. Jede Menge privater Investoren gehen in Zeiten von niedrigen Zinsen weg vom Kapitalmarkt. Ja, auch Kitas können verdammt lukrative Einrichtungen sein. Schau einfach mal nach wem die Kita in der Nachbarschaft so gehört. Einfach nur Geld reinpumpen ist kaum der richte Ansatz, denn Geld kann wunderbar abgezogen werden.

    Ich bin auch nicht sonderlich für eine universitäre Ausbildung von Erziehern, aber deine Uni-Feundlichkeit halte ich auch für überzogen. Habe eine Ausbildung und ein Uni-Studium hinter mir. Das sind auch wieder vollkommenen unterschiedliche Dinge. An der Uni geht es neben Fachlichen eben ganz bewusst um Systemstiken und Methodik. Zumindest an jenen Unis die universitäre Bildung noch als Einführung in die Wissenschaften verstehen. Es wird jede Menge diskutiert und es gibt eben kein „so schauts aus und jetz halt die Klappe“. Letzteres stieß mir beim Lesen deines Artikels auf. Wer einfache Antworten auf komplexe Fragen hat der liegt immer falsch. Wenn es so super einfach wäre, dann wäre das Problem schon lange gelöst ;)

    • Hallo Chris, vielen herzlichen Dank für Deinen schönen Kommentar. Er wirft aber auch ein, zwei Fragen auf, die vielleicht etwas zu kompliziert für meine kleine Seite sind (Stichwort: Kita als Investorenobjekt, QS). Aber: Dass Dir meine Kolumne mit Twitter-Erweiterung als ein „Basta“-Ruf entgegenbrandete, das lag mir fern. Ein wenig liegt das aber auch am Format. Wie Du aber schon sagst, niemand vergleicht ernsthaft einen finanziell völlig abgehobenen Hauptstadtflughafen mit der Kinderbetreuung am Boden. Oder mit einem Bahnhof.

      Eine zentralere Ausgestaltung der Ausbildung, sofern sie mit einer Umstrukturierung bzw. Neugewichtung der Inhalte einhergeht, würde ich in der Tat begrüssen. Die Universitäten sollte man dann jedoch aus einer Vielzahl von Gründen, nicht meinen persönlichen, daraus halten. Übrigens bin ich ein wenig neidisch: Für mich wäre eine Ausbildung und dann Universitätsstudium der wahrscheinlich richtigere Weg gewesen. Direkt über Los von der Schule auf den Campus zu wechseln war ein Fehler.

      LG, Johnny

  2. Ich kann dir da nicht ganz zustimmen. Ich finde es durchaus begrüssenswert Erziehern eine universitäre Ausbildung zu geben. Natürlich ist die Praxis extrem wichtig, aber ich finde ein fundierter theoretischer Hintergrund ist auch nicht zu verachten. Ich finde Erziehung die auf fundiertem theoretischem Wissen basiert ist vielversprechender als blosses Anwenden von praktischen Erfahrungen.

    Darüber hinaus halte ich die Erfahrungen die man durch Seminare in der Universität sammelt für wertvoll auch auf der Metaebene. Man lernt zu diskutieren, Meinungen auszutauschen und zuzulassen. Das hätte einigen Erziehern die ich kennenlernen musste wohl ganz gut getan.

    • Erstmal vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich denke ja, wir meinen und wollen das gleiche, kommen bloß zu unterschiedlichen Ergebnissen. Mir ist an drei verschiedenen Stellen die laute Forderung nach universitärer Ausbildung im Kita-Bereich entgegengeworfen worden. Ohne, dass erkennbar gewesen wäre, warum man das fordere. In Potsdam hat man in einem anderen Bereich zum Beispiel wunderbare Erfahrungen damit gemacht, den Bereich Theorie / Kommunikation während der Ausbildung stärker zu gewichten. Mit dem Ergebnis, dass alle zufriedener sind. Das ist der Weg, den ich bevorzuge. Die Uni kann einen derart praxisnahen Ausbildungsweg wie er in der Kleinkindpädagogik nötig wäre, m.E. kaum leisten. Muss sie auch gar nicht, denn ihre Stärken liegen woanders. Dass ihre Stärken für mich nicht funktioniert haben, nun ja, dass ist dann nochmal ein anderer Schnack.
      LG, Johnny

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