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RISIKO, die Kleinkind-Edition: Vom Brettspiel zum Wohnungskampf

Meine Tochter teilt gerne. Viel lieber aber verteilt sie und zwar Spielsachen; in unserer Wohnung, oder besser: Auf dem Boden unserer Wohnung. Manchmal hat es den Anschein, hinter dieser rein zufälligen Geste des Fallenlassens und Verteilens steckt Gevatter Zufall. Ich aber glaube schon lange nicht mehr an Zufälle. Ich glaube, in Wirklichkeit hat es meiner Tochter daumendick hinter den Ohren. Ich glaube, in Wirklichkeit spielt sie ein Spiel mit uns. Selbst habe ich so gut wie nie gespielt, aber ich möchte das Verhalten meiner Tochter nach einem alten Brettspielklassiker benennen. Brettspiele, die Älteren werden sich erinnern: RISIKO, die Kleinkind-Edition.

Es gibt Hauptpfade und Trampelwege in unserer Wohnung. Beide sind mir absoluter Vorsicht zu genießen. Zu ihrer eigenen Sicherheit also, rate ich unseren Besuchern gerne mal, sich unter keinen Umständen von diesen ohnehin schon gefährlichen Wegen zu entfernen. Schon gar nicht sollten sie die dunklen (lies: staubigen) Ecken und Winkel unserer Wohnung auf eigene Faust erkunden wollen. Das erfordere absolut fachkundige Begleitung.

Die erste Regel lautet: Nicht den Boden aus den Augen verlieren. Klint banal, kann aber Füße retten. Unter allen Umständen sollte man das, was sich unter den eigenen fünf Zehen befindet, stetig und zu allen Zeiten im Blick behalten. Man weiß nie, was sich unter dem nächsten Schritt verborgen halten mag. Eine Kastanie vielleicht? Oder ein dreieckiger Bauklotz? Eltern werden wissen, was ich meine. Ich sage nur: Spielzeug unter Fußsohlen, oder: Eltern, die auf Zehenspitzen laufen.

„Wozu braucht das Kind überhaupt noch ein eigenes Zimmer? Es bevölkert doch ohnehin schon die gesamte Wohnung!“, fragt sich nach überstandener Sicherheitseinweisung so manch naiver Besuch und zeigt auf den Boden. Gut, denke ich, der Besuch hat mir aufmerksam zugehört. Er stellt bloß zu viele Fragen und erkennt den Ernst der Lage nicht.

Zum derzeitigen Spielstand: RISIKO, die Kleinkind-Edition

Hier also meine Theorie. Ich bin davon überzeugt, dass unsere Tochter ihre ganze eigene Kleinkind-Variante des Brettspiel-Klassikers RISIKO spielt. Ihr Spielfeld ist allerdings keine Weltkarte, sondern unsere gesamte Wohnung. Die Zimmer sind die Länder und ihr Spielzeug ihre Armeen. Jedes Zimmer wird mit einer bestimmten Anzahl an Spielzeugen markiert. Hunde markieren ihr Revier, Babys markieren ihr Revier. Hunde draußen am Baum, Kinder eben drinnen. Hunde spielen fangen, unsere Tochter verteilt Spielzeugarmeen.

Ihr aktueller Auftrag lautet: „Befreien Sie alle Länder von den schwarzen Armeen!“, was sich dann in ihren Ohren zu „Befreie alle Zimmer von der elterlichen Ordnung!“ abwandelt. Letzte Woche hieß ihre Mission: „Befreien Sie 18 Länder ihrer Wahl und setzen sie in jedes Land mindestens zwei Armeen!“, was sich mit „Befreie vier Zimmer Deiner Wahl und setze in jedes Land mindestens fünf Spielzeuge, eines davon spitz!“ sinnvoll in Kleinkindersprache übersetzen lässt.

Derzeitiger Spielstand: In der Küche liegt der sprechende Bär – strategisch vor dem Kühlschrank platziert. Im Schlafzimmer, das habe ich eben noch einmal von meinen Spionen aufklären lassen, liegen diverse Bilderbücher sowie ein altes Laugengebäck. Die Experten sind sich unschlüssig, was es genau mit dem Gebäck auf sich hat. Tretmine mit Sandeffekt vielleicht?

Im Badezimmer liegen die Errungenschaften des letzten Bahnstreiks, also Rudi der Reisebus und sein Vibrator-ähnlich geformter Freund, der Spielzeug-ICE. Auf dem Fliesen wurde die gesamte Toilettenpapierrolle ausgebreitet – machen wir uns nichts vor, das Badezimmer ist verloren. Im Wohnzimmer am Esstisch liegt ein weiterer Stoffbär, ein kleiner Ball sowie ein Spielzeugtelefon. Das Telefon scheint das untrügliche Zeichen dafür, dass der Essensbereich kurz vor der Übernahme steht. Etwaige Essensreste sowie Sandschaufeln auf dem Teppich scheinen diese Theorie zu bestätigen.

Missionskarten für Eltern?

Bleibt die Frage: Gibt es in diesem Spiel auch etwaige Eltern-Missionen, die nicht lauten:“Befreien Sie alle Zimmer von den töchterlichen Spielzeugen“? In jedem Fall sollte man immer aufmerksam bleiben. Die Regeln dieses Spiels können sich jederzeit ändern und welche Rolle Besucher spielen, ist noch nicht ausreichend geklärt. Es liegt jedoch die Vermutung nahe, dass meine Tochter keine Skrupel haben wird, ihre spielerischen Errungenschaften auch in fremde Füsse versenken zu wollen.


Sollten wir uns also zufällig mal bei mir in der Wohnung begegnen, seien Sie mir bitte auf der Hut.
Good night, and good luck.


Als Alleinerziehender und bloggender Vater einer vierjährigen Tochter schreibt Johnny über das Leben als Einelternfamilie - und über Kinderbücher.

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