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Sich als Vater selbständig machen, oder: Tausche K...

Sich als Vater selbständig machen, oder: Tausche Kind gegen Karriere

Home Office mit Kuscheltier? Sich als Vater selbstaendig machen

Das Thema Selbständigkeit ist seit einigen Tagen schon, um nicht zu sagen Wochen unter Müttern im sozialen Netz ziemlich en vogue. Das könnte natürlich auch daran liegen, dass die liebe Bella Berlin uns derzeit einen schönen bis schonungslosen Einblick in ihren eigenen Weg Richtung Selbständigkeit gibt. Doch auch mit Natacha von Erdbär habe ich mich Anfang der Woche über dieses Thema unterhalten. Als Vater in Freelancer Stellung habe ich diesbezüglich ja schon länger eine ganz eigene Meinung. Die geht ungefähr so: Nicht lang schnacken, machen!

Natürlich sind die Gründe, sich selbständig zu machen bei Müttern und Vätern in der Tendenz sehr ähnlich. Zumindest dann, wenn die Selbständigkeit geplant und nicht Folge einer unrechtmäßigen Kündigung wurde. Viele wünschen sich einfach ein Plus an Flexibilität, ein Mehr an Familienzeit. Vollzeit arbeiten mit Kind, ist das nicht irgendwie wie eine Pizza ohne Pommes? Darüber habe ich kürzlich auch mit Natacha, Mompreneur hinter den Freche Freunden in dieser Woche unterhalten. Für sie ist es die Disziplin, die zu einer besseren Balance zwischen Familie und Beruf, vor allem aber im eigenen Unternehmen führt. Zumindest durch die Blume – und natürlich in Maßen, versteht sich. So diszipliniert man mit mehreren Kindern eben sein kann. Vielleicht geht es weniger um Disziplin, sondern viel mehr um den richtigen Rhythmus. Herausfinden, wie man am besten selbständig arbeiten kann – wo der eigene Flow am besten funktioniert.

Warum das Home Office in Sachen Vereinbarkeit von Familie und Beruf aber dennoch kein Allheilmittel sein kann, darüber hatte ich mich ja schon einmal anderer Stelle ausgelassen. Kaum mehr als eine Stunde pro Tag gewinnt man als Mompreneur wie Dadpreneur (gibt es so etwas überhaupt?). Hier der Link:

Home Office steht nicht für Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Meine Geschichte: Als Vater selbständig – für die Tochter

Vor dem Vatersein, war ich beides, angestellt und selbständig zugleich. Als Pädagoge im außerschulischen Bereich hatte ich viele Freiräume, nicht nur inhaltlich, sondern vor allem auch zeitlich. Das Angebot, im Ausland tätig zu werden, stand ebenso noch im Raum und hätte nur noch weniger Hebel bedurft, um es in die Tat umzusetzen. Goodbye, old Europe hätte es dann wohl geheißen.

Sich als Vater selbständig machen ist nicht ganz ohne, immerhin hat man Verantwortung. Dennoch: Seit Anfang des Jahres habe ich alle vertraglichen Verbindungen zu meinem pädagogischen Sein gekappt, habe keinerlei Präsenzpflichten, keinerlei Klassen vor mir und auch nicht den Drang, das Land zu verlassen. Derzeit arbeite ich also ausschließlich von zu Hause, denn für meine Geschäftsidee brauche ich kaum mehr als eine internetfähige Schreibmaschine (lies: Rechner) sowie zehn linke Finger.

Mit dem Schreiben offline wie online Geld verdienen – das ist es, was ich mache. Es ist mir mittlerweile also eine vollzeitnahe Beschäftigung geworden, bei der keine Fahrtwege oder nervige Evaluationsgespräche mit unmotivierten Vorgesetzten anfallen. Mittlerweile arbeite ich vormittags drei Stunden, zwischen 10:00 und 13:00 Uhr und dann nochmal von 21:00 bis 23:00 Uhr. Fünf Stunden am Tag, vier bis fünf Tage pro Woche sowie am Sonntag, an dem noch einmal abends vielleicht zwei bis drei Stunden hinzukommen. Man könnte auch sagen, meine Arbeitszeiten sind ein Stück weit entfesselt und ich muss aufpassen, dass dieses „Hamsterrad, dass sich immer weiter dreht“ (Nina, Frau Mutter) mich nicht irgendwann auffrisst.

Das ergibt eine Wochenarbeitszeit von ungefähr maximal 28 Stunden. In dieser Zeit schreibe ich. Für mich als Blogger, als Familienexperte (oder sowas), als News-Redakteur für andere Portale sowie an einem Buch. Keine Sorge, dieses unverhofft neue Buchprojekt hat nichts, aber auch rein gar nichts mit Familien zu tun, sondern ist eher technischer Natur. Weiß ja sonst auch keiner von mir.

Sich als Vater selbständig machen: Ja, unbedingt!

Ich persönlich bin ganz großer Freund von „Zelte abbrechen, etwas Neues anfangen“. Das war früher so und das hat sich seit meiner Geburt als Vater einer kleinen, bald großen Tochter auch nicht geändert. Wohnort wechseln? Kontinent verlassen? Ja, ja und nochmals ja. Fragt mich jemand, ob eine Kündigung des Angestelltenverhältnisses der richtige Weg sei, werde ich ebenfalls und immer mit einem definitivem „Ja“ antworten. Nachfragen bei der lieben Kollegin Kinderwärts, die vor kurzem von Berlin ins beschauliche Linz Zürich verzogen ist, werden dies wahrscheinlich kurz bestätigen können.

Habe ich meine Entscheidung gegen den Vertrag und für das Freelancer Leben seitdem bereut? Nein, keinen Moment lang! Auch, wenn es zeitlich und finanziell besonders am Anfang hanebüchen war. Ich muss gestehen: Einen Moment lang lag sogar der Antrag auf Grundsicherung vor mir. Dies hätte aber das Ende jedweder sinnvollen, beruflichen Tätigkeit für eine unüberschaubare Zeit, wahrscheinlich sogar für immer bedeutet. Kaum vier Wochen später war alles wieder auf einem guten Weg. Schon zuvor habe ich mindestens zwei solcher Tabula-Rasa-Phasen durchgemacht, in denen ich nicht nur alles hingeschmissen, die Stadt verlassen und mich ins Ungewisse gestürzt habe. „Ja, da waren sie wieder, meine drei Probleme: Kein Job, kein Geld, keine Ahnung, wie es weiter geht.“ Und meine Lehre war jedesmal: Das Leben geht weiter, irgendetwas ergibt sich immer. Wer nicht mindestens einmal vernünftig gescheitert ist, der hat in seinem Leben etwas Grundlegendes falsch gemacht.

Das sage ich, obwohl oder gerade weil ich eine Tochter habe. Sich als Vater selbständig machen, das Kind gegen die Karriere eintauschen, das würde ich immer wieder machen. In ihren fast drei Jahren hat Frau Doktor Mama Löwe mich bisher nicht ein einziges Mal gefragt, wieviel Geld ich verdiene oder wie lange ich so pro Tag arbeite. Dass ich ab und zu mal eingeladen werde und ihr dann kleine bis große Geschenke mitbringe, das hat sie mittlerweile aber nur zu gut verstanden. „Papa muss arbeiten“, sagt sie dann und wann und weiß, dass ich dennoch jederzeit und immer für sie da bin. Und wenn ihr mich fragt, ist das die einzig richtige Definition von Arbeit und Familie, die ich meiner Tochter mitgeben möchte – eine Arbeit, die die Familie nicht ausschließt.


Als bloggender Vater einer dreijährigen Tochter schreibt Johnny über das Familienleben zwischen Kita, Kleinkind und Vereinbarkeit.

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  2. Uta

    16 Februar

    Das ist irgendwie auch mein Traum. Und an Ideen zur Selbstständigkeit mangelt es auch nicht. Leider ist die Kinderbetreuung in London so verdammt teuer, dass ich es bisher noch nicht gewagt habe, ein paar Monate ohne bezahlten Job an einer Selbstständigkeit zu basteln und weiter die teure Nanny zu bezahlen…
    Toll, dass du den Schritt gewagt hast!
    Liebe Grüße,
    Uta

  3. Anonymous

    17 Februar

    Du sagst es! Und danke fürs Mut machen, selbstständig bin ich nämlich noch nicht…! Und ich bin nach Zürich gezogen :) !
    Anna von Kinderwärts

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