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Tag der gewaltfreien Erziehung: Heute war ich kein guter Vater


Hallo, mein Name ist Johnny und wenn Sie es wirklich wissen wollen: Heute war ich kein guter Vater! Ich bin doch hier richtig bei den Anonymen Rabenvätern, oder? Nein, heute war ich kein guter Vater – und trotzdem ist meine Tochter abends neben mir eingeschlafen. Verwirrend und schön zugleich, aber erwähnte ich verwirrend eigentlich schon? Das hier Gesagte muss übrigens und ganz unbedingt unter uns bleiben, ja. Dies ist übrigens auch ein Beitrag zum Tag der gewaltfreien Erziehung…

Meine dreijährige Tochter und ich, wir sind ein eingespieltes Gespann. Wir beide reden viel und gern und finden Freude daran, den anderen ein ums andere Mal ein klein wenig zu sabotieren. In Sachen Frustrationstoleranz haben wir beide indes noch viel zu lernen – doch ganz ruhig und eins nach dem anderen. ja, Geduld… noch so eine Sache.

Meine Tochter ist zurückhaltend und neugierig. Sie ist,… was ist eigentlich die Steigerung von dickköpfig, halsstarrig oder stur? Und doch ist sie selbst in den schwierigsten Momenten eine äußerst zugewandte, um nicht zu sagen kooperative Person. Es gehört wohl zum weltumfassenden Konzept, dass Kleinkinder alles andere eindeutig, sondern ganz im Gegenteil, nämlich widersprüchlich, herausfordernd und verwirrend sein müssen. Vatersein ist das ja irgendwie auch: widersprüchlich, neugierig, kooperativ und ja, auch ziemlich dickköpfig. Oder geht das nur mir so?

Hallo, mein Name ist Johnny und heute war ich kein guter Vater. Ich habe von meiner Tochter mehr gefordert, als sie im Stande war zu geben – ich war ungeduldig. Mit ihr, mit mir. Dabei will ich doch für sie da sein: „Geh weg! Ich will alleine sein!“ Immerhin wurde ich dieses Mal nicht beleidigt. Und dennoch, Nein, heute war ich kein guter Vater. Weil ich tatsächlich kurz aus dem Raum, lies: Badezimmer und aus der Situation gegangen bin – auch, um meinen eigenen Blutstrom wieder auf Lava-Temperatur herunterzukühlen. Vielleicht auch, weil mein Tinnitus eine kurze Brüllpause brauchte. Ich habe den Raum verlassen, obwohl ich ihr immer wieder sage, ich wäre immer für sie da.

Meist habe ich meine eigenen, nennen wir sie mal „Ansichten“ ja soweit im Zaum, dass ich im Moment der völlig überraschenden Eskalation zwar immer noch wie ein isländischer Vulkan unaussprechlich in die Luft gehe, dies aber nach außen mit allenfalls nordischer Gelassenheit verkleiden kann. Meistens zumindest. Und dann beginnen wir wieder von vorn.

Doch niemals würde ich Gewalt anwenden. Niemals würde ich auch nur einen kleinen „Klaps“ für mich sprechen lassen. Und doch ist der Impuls, irgendwie handgreiflich zu werden, einen Klaps oder eine Backpfeife oder wie auch immer man es nennen mag anzubringen mir plötzlich so vertraut. Ich gehe ihm nicht nach. Das dieser Drang jedoch überhaupt in mir und so unglaublich schwer zu kontrollieren sein würde, hat mir vorher aber auch niemand gesagt. Das ist mehr als nur verwirrend – und beängstigend.

Und während ich noch mit mir selbst beschäftigt bin, erkenne ich zwischendurch diesen kurzen Moment, in dem meine Tochter zeigt, dass sie eigentlich kooperieren möchte. Wenn auch nicht in den ersten fünf Minuten des Ausbruchs. Man muss diesen Moment eben nur sehen oder auf ihn warten können. Und dann… dann kommt sie zu mir und wiederholt, was ich hier immer sage – „Papa, ich bin für dich da!“ Und dann sitzen wir zu zweit auf dem Badezimmer- oder Küchenboden und essen gemeinsam kalte Nudeln aus einer Schüssel. Natürlich ist diese Ruhe alles andere als belastbar. Noch nicht jedenfalls. Und das ist auch völlig in Ordnung so.

Vielleicht werde ich morgen wieder ein besserer Vater sein. Wenn wir wieder von vorne beginnen können. Welch großer Trost eigentlich, dass kaum jemand schneller vergisst und vergibt, als das eigene Kleinkind. Daran muss man sich als Erwachsener ja auch erst einmal gewöhnen.

Auch wenn Gewalt ein sehr dehnbarer Begriff ist: Der Tag der gewaltfreien Erziehung ist natürlich nicht heute, sondern eigentlich erst am 30. April und überhaupt sollte er an jedem Tag des Jahres begangen werden.

7 Kommentare

  1. Lisa sagt

    Danke für die Offenheit und Einsicht in dein Inneres. Du bist nicht alleine mit diesen Gedanken und Impulsen. Doch sind wir die Eltern und müssen diese Kontrollen und werden sie kontrollieren. Deswegen Nudeln essen und Frieden schließen.

  2. Magnus aka MJKW sagt

    Danke für den Mut zur Offenheit, die dunkeln Seiten verstecken wir dann doch oftmals viel zu gern. Es bleibt wie immer zwischen Menschen (Gruss an Schopenhauer und die Stachelschweine) eine Gratwanderung. Und manchmal sind so Impulse richtig und auch ihnen nachzugeben, ob das wirklich schon über die Grenze war, kannst eh nur Du und sie beurteilen. Einen Gedanken möchte ich hier mitgeben, da weil mir dein Artikel einen Hauch von Selbstkasteiung transportierte: das Zutrauen was es braucht in die Fähigkeiten der Jungen heißt auch ihnen zutrauen Stück für Stück mit den Impulsen anderer umzugehen. Im (scheinbaren) Gegensatz zum Kommentar vorher glaube ich nämlich nicht daran, das Mensch und erst gar nicht als Eltern immer und vollständig die Kontrolle über sich hat. Ich halte den Gedanken für eine gefährliche Illusion. Deswegen: nein, Du warst kein schlechter Vater, nur Mensch. Und das war vermutlich besser weil authentischer als alles andere. Und unsere Kinder werden daran lernen, mit echten Menschen zu leben, so wie wir sie als echte Menschen behandeln. Allenfalls war es Selbstüberschätzung zu versprechen „Ich bin immer für Dich da“. Denn das war, ist und wird auch in Zukunft gelogen sein. Niemand ist immer für irgendjemanden da. Dein Kind weiss dass vermutlich schon und ist möglicherweise an diesem Geschehen mehr gewachsen, als wenn du nach eigenem Anspruch perfekt gewesen wärst. Alles Liebe wünscht Magnus, Papa von J, 10 Monate und beide grad lernend mit dem Frust umzugehen, das nach vorn wollen und können beim Krabbelnlernen zwei Welten sind.

  3. Dieses Gefühl „ich sehe rot“ kennen bestimmt fast alle Eltern. Kinder treiben uns manchmal in den Wahnsinn oder zumindest an unsere Grenzen und darüber hinaus!
    Mit Aggression umzugehen ist eine riesige Herausforderung in unserem Leben.
    Ich weiss mittlerweile, dass Tränen ein Heilmittel sind.
    Tränen waschen Frustration aus dem Körper und reinigen und klären den Kopf! Wenn ich mir Tränen verkneife, meine Trauer und Frustration zurückhalte oder gar nicht erst spüre, weil ich ja „funktionieren“ muss, dann funktioniere ich bald nicht mehr, denn die Energien können nicht raus, stauen sich, gammeln vor sich hin, und kommen dann als Aggression wieder zutage..
    Sich ausheulen, den Frust ungefährlich ablassen, sich Unterstützung und Trost holen über die ganz normalen Alltagsfrustrationen im Eltern-Dasein zu holen, das hält uns gesund und menschlich.. :)

  4. Käthe sagt

    Ich danke dir für diesen Beitrag. Mir ging es heut genauso wie dir, nur dass ich Mutter eines 3,5 jährigen Jungen bin. Auch ich hab mich im Bad eingesperrt. Und auch mein Kind wählte meine Worte… „Mama ich hab dich immer lieb. Egal ob du mal böse bist oder nicht.“ Mir trieb es sofort die Tränen in die Augen.
    Beruhigend, dass es anderen da ähnlich ergeht.
    Und als ich ihn später fragte was da los war, sagte er „Mama ich weiß es nicht.“
    Ich schieb es auf Hormone.
    Hormone sind ein Arschloch 🙈

  5. Laudano Liano sagt

    Ich habe auch ein schwieriges dreijähriges und finde aus dem Raum gehen und gegen eine Tür schlagen sehr sinnvoll. Man will dem Kind ja auch Möglichkeit n zeigen mit der Wut umzugehen. Natürlich auf Körper schlagen ist Tabu, doch Gegenstände sofern es nicht geliebte Kostbarkeiten sondern sowas wir Tür, Wand, Kissen oder Tepich etc. ist sind doch super zum abreagieren. Ich finde Gefühle sollte man lieber kontrolliert ausleben als zu unterdrücken. Denn unterdrückte Gefühle, insbesondere unterdrückte Wut, werden evtl pervers.

  6. Hallo Johnny,
    Danke für die offenen Worte und die Einsicht, dass es anderen Papas ebenso geht

  7. Anonymous sagt

    Das ist ja mal ein informativer, sorgfältig mit Liebe zum Detail geschriebener Artikel. Vielen Dank! :)

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