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Vatertag 2017, oder: Wozu einen #vatertagswunsch?

Vatertag 2017, oder: Wozu einen #vatertagswunsch?

Vatertag, Herrentag auf dem Spielplatz statt #vatertagswunsch

In den letzten beiden Jahren gab es pünktlich zum Muttertag eine schöne Welle im Internet. Diese brandete sogar ganz real bis zum Bundesfamilienministerium: #muttertagswunsch. Ich sage nur: Mutterseelensonnig. Am sogenannten Herrentag oder Vatertag, der zu Urzeiten auch Christi Himmelfahrt genannt wurde, sucht man eine solche virtuelle Welle indes vergeblich. Ein Blick in die Statistik verrät leider auch recht präzise, warum! Väter sind von sogenannten mütterlichen Problemen im eigenen Alltag kaum betroffen. Care-Arbeit, Erziehung? Alles optional. Achtung: Trauriger Superdaddy-Content mit Spuren von Zahlen.

Statistik sagt: Für Mütter ist Arbeit die Ausnahme

Laut destatis gibt es eine Zahl, die sich in den letzten zehn Jahren (in Zahlen: 10!) trotz aller Bemühungen und allem politischen Schulterklopfen nicht geändert hat: Seit 2006 liegt der Anteil der in Vollzeit arbeitenden Mütter mit Kindern unter drei Jahren bei knapp 10 Prozent – Teilzeitfalle und „gender pay gap“ im Übrigen inklusive. Kein Vergleich zu den 83 Prozent der Väter, die selbst mit Kleinkind in Vollzeit verbleiben, sobald die Vätermonate genannte Elternzeit von zwei Monaten abgelaufen ist. Übrigens: In nur zwei Prozent der Fälle ist die Frau in Vollzeit und der Mann in Teilzeit oder gar nicht mehr tätig.

Und um das zu unterfüttern: Ungefähr 71 Prozent der Mütter haben vor der Geburt ein für das Elterngeld relevantes Einkommen. Und doch nehmen 96 Prozent aller Mütter mehr als 10 Monate Elternzeit und mehr. Und die Väter? Im dritten Quartal 2016 waren es 13 Prozent, die in Elternzeit gingen. Von diesen 13 Prozent wiederum nur 40 Prozent länger als zwei Monate. Oder anders formuliert:

45.000 Väter vs. 732.400 Mütter, die für 10 Monate und mehr in Elternzeit gehen. Bleibt hier wirklich noch Raum für Fragen?

Es gibt keine modernen Väter, sondern nur einige aktive

Und es kommt noch schlimmer: Während also medial das Bild der „neuen Väter“ präsentiert wird. Väter also, die sich selbst nicht nur in der klassischen Ernährerrolle sehen, sondern auch Verantwortung in Sachen Erziehung und Versorgung, entlarvt das DJI in einer recht aktuellen Umfrage ausgerechnet dies als reines Fantasiekonstrukt.

Im Themenbereich nämlich, wie sich die Aufteilung kindbezogener Aufgaben im Alltag aufteile, antworteten auf die Frage nach der „alltäglichen Versorgung und Betreuung“ des Kindes gerade einmal 1,2 Prozent der 1493 befragten Väter mit „überwiegend ich“. Selbst im sonst so stark väterfixierten Freizeitbereich waren es gerade noch 3,3 Prozent der Väter, die angaben, „Spielen und Unternehmungen mit Kind“ hauptsächlich selbst zu unternehmen.

Beide Umfrage-Ergebnisse des Statistischen Bundesamtes in Verbindung ergeben indes jede Menge Sinn, denn: Wer in Vollzeit oder zumindest doch Vollzeitnah arbeitet, hat kaum noch Zeit, um für seine Kinder mehr Verantwortung zu übernehmen. Auch dann nicht, wenn das aktuelle Väterbarometer sagt, dass besonders junge Väter sich zu fast zwei Drittel familienfreundliche Arbeitgeber wünschen. Es bleibt ein frommer Wunsch.

Wer also an Wochentagen im Durchschnitt 45 Minuten bzw. am Wochenende statistisch gern auch mal eine ganze Stunde mit seinem Kind verbringt, dessen Möglichkeiten als Vater sind und bleiben naturgemäß limitiert. Da bringt es auch nichts, den aktiven Vater für das neue, coole Leitbild zu erklären. Im Gegenteil, es verstellt den Blick auf das, was sich wirklich ändern muss. Es verteilt High-Fives an diejenigen, die sich minimal einbringen und lässt die Wenigen schlecht aussehen, die aufgrund ihrer Tätigkeit tatsächlich kaum Chancen haben, sich mehr in die Familienarbeit einzubringen.

Auch hilft uns die Statistik nicht zu erfassen, wie es im Einzelfall von Familien-, Co-Eltern- oder Alleinerziehenden-Haushalten wirklich zugeht. Und doch ist es verblüffend, wie oft sich der sogenannte Einzelfall im klassischen Rollenbild der 1950er Jahre wiederfindet – und das heute, 2017. Nichts Moderndes, nirgends.

Bin ich ein aktiver Vater? Nein, ich mache bloß meinen Job…

Wie oft muss ich mir selbst anhören, dass ich wirklich großes Glück gehabt habe, Familie und Beruf so entspannt miteinander vereinen zu können – neue Vereinbarkeit und digitales Arbeiten sei Dank. Und in manchen Momenten möchte ich genau das sogar glauben und mir selbst auf die Schulter klopfen. Bis es mich am ganzen Körper schüttelt und mir wieder klar wird: Erstens, es ist nicht alles Gold, was glänzt. Und zweitens, eine gelungene Vereinbarkeit sollte kein Glücksfall, sondern schlicht und ergreifend der Normalzustand sein. Und zwar ohne die Mär von Vätern, die bloß babysitten oder der Lüge von Müttern, denen ihre Karriere angeblich wichtiger sei als das Kind, nur weil sie Vollzeit bzw. Vollzeitnah arbeiten.

On a personal note: Nein, ich bin weder modern, noch bin ich cool. Beides muss ich doch auch gar nicht sein, denn alles, was in dieser Hinsicht zählt ist, dass ich als Vater im Leben meiner Tochter präsent bin. Das ich Verantwortung übernehme. Ich bin mir sicher, vielen anderen Vätern geht es ähnlich. Nur sollten es eben doch viel, viel mehr sein. Sehr viel mehr.

Und die Moral von der Vatertagsgeschicht‘?

Ob drohende Altersarmut von Alleinerziehenden bzw. Müttern, die ihren Lohnerwerb für das Kind ad acta legen. Ob fehlende weibliche Vorbilder in den MINT-Fächern oder schlechte Kita-Versorgung. Ob Lohnungerechtigkeit oder Teilzeitfalle. Es gibt so viel zu tun, allein, genau das ist bei vielen Vätern überhaupt noch gar nicht angekommen. Es betrifft sie im Alltag schlichtweg nicht, zumindest nicht direkt. So traurig das auch klingen mag, aber der Blick in alle Statistiken lässt kaum einen anderen Schluss zu.

Und so wird es auch heute, am Vatertag 2017 keinen sich aufbäumenden #Vatertagswunsch geben, der über das Grillen mit den Kumpels oder der privaten Entspannung mit Kind hinauszugehen vermag. Auch ich werde wohl meinen Vatertag mit meiner Tochter verbringen. So wie eigentlich jeden Tag. Falls Sie sich also mit mir unterhalten oder mich widerlegen wollen, gern. Ich schage vor, Sie suchen mich auf den hiesigen Spielplätzen. Ich bin derjenige, der sich von allen anderen fernhält. Meistens zumindest doch von anderen Vätern. Seien Sie nicht scheu…

Links:
Für Frauen ist Arbeit die Ausnahme

Aktive Vaterschaft – DJI


Als bloggender Vater einer dreijährigen Tochter schreibt Johnny über das Familienleben zwischen Kita, Kleinkind und Vereinbarkeit.

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  1. Christopher Felix

    25 Mai

    Euer Spielplatz ist gerade zu weit entfernt, sonst kämen wir mal rum. Allerdings muss ich auch erst noch die Wohnung fertig putzen, das dauert. Was ich jedoch auch von hier sagen kann, ist, dass ich mir die Teilzeitfalle für alle Menschen wünsche. Nicht als Falle, sondern also ideale Möglichkeit, Geld verdienen und Famile haben zusammenzubringen. Solange in einer Familie ein Elternteil Vollzeit arbeitet, ist dieses Elter den Großteil der Zeit nicht da. Ich finde das für jede Eltern-Kind-Beziehung wenig förderlich.
    Statt immer mehr und länger Arbeitszeiten von vor allem Angestellten zu fordern, statt Überstunden als etwas normales anzusehen, bin ich dafür, eine Vollzeitstelle in zwei Teilzeitstellen aufzuteilen. Überall. Eine angemessene Vergütung vorausgesetzt, wäre so die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für jeden machbar. Und kein Mann hätte mehr eine Ausrede.

    • Ansonsten, das vergaß ich zu sagen: schönen Vatertag!

    • Magnus aka MJKW

      4 Juni

      Ja, das wär der Weg zu echter Wahlfreiheit… Wir haben grade das Glück von zwei Arbeitgebern, die das zumindest in der Elternzeit zwei Jahre lang möglich machen. Wie es danach weitergeht? Wir werden sehen. Auch weil mein Arbeitgeber dazu neigt, aus Gründen wenn ich nicht Vollzeit zurückkehre die Stellenanteile zu streichen und den Arbeitsbereich zu verkleinern, anstelle andere einzustellen. Davon geht die Welt nicht unter, verbaut aber spätere Chancen, denn was weg ist, ist ziemlich sicher weg. Genauso wie die Zeit mit unserem Sohn.
      Vermutlich wird der Weg über Aufstockung per Heimarbeit gehen, aber das werden drei entscheiden, denn wir werden ja alle davon betroffen sein, wenn die kurzen Abende zu zweit auch noch Arbeitsbelastung schultern müssten.

  2. Oh, ich kann dem so beipflichten. Seit drei Jahren ist bei uns in der kleinen Familie die klassische Rollenaufteilung auch gedreht, was nicht zuletzt der Arbeitssituation geschuldet ist. Ich bin einfach räumlich näher an Kind, KITA, Wohnung. Und ich stoße immer auf Erstaunen, dass das so ist. Unsere Gesellschaft ist erzkonservativ. Nicht selten bin ich unter 30 Müttern und ihren Kindern der Hahn auf dem Spielplatz und werde argwöhnisch betrachtet. Leider bin ich in diesen drei Jahren auch nicht zu der Erkenntnis gekommen, dass sich daran viel ändert. Vielleicht ist die Zeitspanne zu kurz, aber vielleicht ändert sich auch einfach gar nichts. Ich drücke uns die Daumen, dass ich mich irre… Es ist aber schön zu lesen, dass ich nicht ganz alleine bin ;-)

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