Los geht's!

Das erste gemeinsame Weihnachten

Ganz langsam robbt sich das erste Weihnachten als Familie durch den Kalender hin zu mir und ich beginne mich zu fragen: Weihnachten. Ist das nicht der Tag, an dem man als Familie ganz vielen eigenen Traditionen frönen sollte? Wie aber um Himmels Willen erfindet man zu Weihnachten eigene Familientraditionen, wenn man in der eigenen Kindheit kaum welche zelebriert hat? Ich fürchte, als Vater werde ich an diesem Tag wohl nicht allzu viel beisteuern können. Oder etwa doch?

Erinnerungen an Weihnachtsmann und Weihnachtsbaum

Manches Jahr hatten wir in meiner Kindheit einen Weihnachtsbaum und dann ging es ungefähr so: Der jeweilige Freund meiner Mutter musste gemäß Befehl den Baum aufstellen und nach allerlei Wortgemenge die bunten Lichterkette anbringen. Manchmal brauchte das Gespann mehrere Versuche, manchmal endete es im Kabelterror. Was dann folgte, kann nur als schrittweises Meucheln des Baumes durch Mutters geschmack- und stillosen „Baumschmuck“ genannt werden. Mit der bunten Lichterkette angefangen. Und dem rosa Weihnachtspapagei. Oh ja, der Papagei. Ja, mein Freund der Baum ist tot. Zweig für Zweig wurde er unter bunten Farben gemeuchelt.

Gemäß Familiensaga soll es eines Jahres einen „echten“ Weihnachtsmann gegeben haben. Da dieser aber sehr viel Schnaps im Rachen und sehr viel weniger Geschenke im Sack hatte, den passenden Hauseingang verpasste und auch sonst eher derangiert wirkte, ward er außer an diesem Tage nie wieder vor irgendeiner Türe gesehen. Wie dieses Szenario zu Stande kam oder wie es schlussendlich ausging, all das ist nicht überliefert. Es bleibt eine dieser familialen Legenden, von denen ich überzeugt bin, dass sie so nie statt gefunden haben können.

Weihnachten? Das sind asiatische Nudeln und Kartoffelsalat

Zuhause ausgezogen, bestellte ich beim asiatischen Imbiß, nahm das Essen nach Hause und stopfte es in mich hinein, während ich einen schlechten oder fantastischen Film mit Überlänge schaue. Oder zwei oder drei. Herr der Ringe vielleicht, Extended cut. Ein alkoholisches Getränk zwischendurch für die feierliche Stimmung, der aufgehende Morgenstern et voilà, Weihnachten. Fertig ist die heilige Laube. Irgendwann nachts brülle ich Frodo an, er solle sich mal nicht so anstellen, andere hätten schließlich auch Probleme. Ja, Besinnlichkeit war (und ist) eine, meiner ganz großen Stärken.

Am ersten oder zweiten Feiertag dann erinnere ich mich an die Worte meines Großvaters. Gänzlich unreligiös sagte er, man solle an Heiligabend Einfaches essen: Kartoffelsalat mit Würstchen. Kurz und knackig statt ausladend und teuer. Und just dieser Anflug von Klarheit, der hat Eindruck bei mir hinterlassen. Ja, selbst Jahre später noch und bis zum heutigen Tag. Also esse ich an mindestens einem der Weihnachtsfeiertage Kartoffelsalat mit Würstchen. Asiatische Nudeln und Kartoffelsalat.

Das erste Weihnachten mit Kind

Dieses Jahr ist vieles eine Uraufführung: Das erste Weihnachten zu dritt. Während meine Freundin hier und da klare Vorstellungen von diesem Feiertag zu haben scheint, kaufe ich hässliche Baumdekoration und verwandle mich in der unteren Etage des Kaufhofs unversehens in den Weihnachts-Hulk. Oder wie ich ihn sonst nenne: Meine Mutter. Ist Weihnachten wirklich das Fest der Wunder? Soll dies unsere Weihnachtstradition werden? Hässliche Baumdekoration? Ein rosa Weihnachtspapagei vielleicht sogar, ganz so wie früher? Ich kaufe eine hässliches Eichhörnchen, das aussieht wie ein Bär.

Wir werden einen Weihnachtsbaum haben, das hat die Freundin beschlossen. Wer ihn aber schmückt, wer ihn ausleuchtet, wo er stehen wird und wie groß er sein wird? Ich weiß es nicht. Diese Dinge überlasse ich lieber ihr. Vielleicht aber wird es Kartoffelsalat geben. Ja, vielleicht ist es das, was ich als neue Familientradition hineingebe: Kartoffelsalat mit Würstchen. Zu Weihnachten. Es klingt ein wenig abgedroschen, aber auch irgendwie richtig. Jedenfalls passender als asiatische Nudeln. Oder?

Wie man eigene Traditionen schafft, das weiß ich im Grunde immer noch nicht. Dem Kind jedenfalls etwas zu vermitteln, hinter dem ich nicht stehen kann, weil ich es nie kennen gelernt habe, wie beispielsweise der Besuch einer Kirche zu Heiligabend, Nein, das möchte ich nicht. Authentisch soll es sein und authentisch soll es bleiben. Also fangen wir mit Kartoffelsalat mit Würstchen und grausigem Weihnachtsbaumschmuck an und schauen, wohin die Reise gehen wird. Alles auf Anfang. Das gilt auch für Weihnachten.


Als Alleinerziehender und bloggender Vater einer vierjährigen Tochter schreibt Johnny über das Leben als Einelternfamilie - und über Kinderbücher.

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  1. […] Diese Erfahrung und die Angst, eigentlich gar nichts zu diesem Feiertag beisteuern zu können, teilte ich auf meinem Blog „Weddinger Berg“. Außer vielleicht ‚Kartoffelsalat mit […]

  2. Sonja

    7 Dezember

    „Alles auf Anfang.“ Was für ein schöner Vorsatz. Und ich finde ihn sehr weihnachtlich. Sehr sogar. <3

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