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Und wenn das Kind gar keine körperliche Nähe will?...

Und wenn das Kind gar keine körperliche Nähe will?

Körperliche Nähe ist angeblich gut für das Kind. Es fördert seine Entwicklung, gibt ihm Kraft und Selbstvertrauen, es prägt sein zukünftiges Leben in einer positiven Art und Weise. Darüber hinaus stärkt es angeblich sogar das Immunsystem. Bei einem Kind, dass in die Kita geht, ein absoluter Segen. Was aber soll man machen, wenn man ein Baby/Kleinkind hat, das gar nicht gekuschelt werden möchte, sondern Annäherungsversuche häufig mit Wegdrücken, Quengeln oder Weinen beantwortet? Es soll ja sogar Kinder geben, die sich selbst auf dem Arm unwohl fühlen und am liebsten bloß liegen gelassen werden wollen. Hat das Kind dann überhaupt noch eine Chance, „normal“ zu werden oder sollte ich bei der Krankenkasse vorsorglich schon mal die Kostenübernahme für eine psychotherapeutische Behandlung beantragen?

Körperliche Nähe nach der Geburt?

Der Schlaf meiner Tochter ist so leicht, dass sich die Federn in unserer nicht vorhandenen Daunendecke wie rostige Schiffsschrauben aus dem letzten Jahrhundert anfühlen. Besonders in den ersten Monaten nach der Geburt reichte es manchmal schon aus, wenn eine Fliege gegen das Fenster flog, um dem schlafenden Kind eine Reaktion abzutrotzen. Der Moro-Reflex, der verhindern soll, dass das Kind fällt, war unser, also ihr ständiger Begleiter im Schlafzustand.

Um den Moro-Reflex davon abzuhalten, das Kind gänzlich und vollständig aufzuwecken, so wurde uns von kompetenter Stelle geraten, sollten wir das Kind ganz eng in ein Tuch oder eine kleine Decke einwickeln. Pucken hieße das dann. Und beim ersten Test, so schien es, klappte es sogar ganz gut. Die Kleene schlief. Doch schon beim zweiten Mal konnte sie mit der Enge des Puckens rein gar nichts mehr anfangen und ruderte so lange, bis alle Extremitäten wieder Luft bekamen. Frei sein, sich bewegen können. Zwei Dinge, die mir ja äußerst sympathisch sind und ein klein wenig war ich auch stolz auf den kindlichen Freiheitsdrang. Schlafen mag ich allerdings auch und ein ausgeruhtes Baby mag ich sogar noch viel lieber.

Ja, da ist es wieder. Das Idealbild eines Vaters. Ganz nah drückt er das Baby an sich. Er beschützt es. Und das Kind weiß instinktiv, dass es in seinen Armen gut aufgehoben ist. Solche Bilder gibt es von uns beiden eigentlich nur selten zu sehen. Wenn meine Tochter fällt, sich weh tut oder sie sich nicht wohl fühlt, dann will sie natürlich auf den „Ahm.. Ahm!“ So lässt sie sich gerne trösten und gerne tröste ich sie – natürlich wird sie nicht zurück gewiesen. Man sollte dann aber tunlichst davon absehen, ihr zu nahe zu kommen, ihr über die Wange zu tätscheln oder sie an sich zu drücken, denn sonst drückt sie einen wieder von sich. Nur Arm, sonst nichts. Nur gucken, nicht anfassen.

Körperliche Nähe im Familienbett?

Im Familienbett ist es auch nicht anders: Kein Streicheln, kein Anfassen. Über die Wange streicheln, den Kopf tätscheln, sachte an den Händchen rütteln. All das sind Dinge, die mit „Nein“ und widerwilligem Körperbewegungen quittiert werden. Oftmals jedenfalls, wenn mittlerweile auch nicht mehr so häufig.

Vielleicht wäre dieses abwehrende Verhalten einfacher zu verstehen, wenn man diesen einen Moment in ihren erst kurzen Leben festhalten könnte, seit dem sie so abwehrend ist. Eine tragische Situation vielleicht, oder ein Trauma? Doch seit der ersten Wochen ist sie so. Bedeutet das, dass gleich in den ersten Tagen vielleicht etwas schon tragisch falsch gelaufen ist und keiner von uns es gemerkt hat? Hm, wahrscheinlich nicht.

Wahrscheinlich verbuchen wir die distanzierte Nähe meiner Tochter als Persönlichkeit, schließlich hat sie mit Nähe ja kein generelles Problem. Sie bestimmt jedoch sehr vehement, wie nah ihr jemand kommen darf – und wann. Auch bei ihren Eltern. Und so sind die Bilder, auf denen sie eng umschlungen von Papas oder Mamas Händen zu sehen ist, äußerst selten. Diese idealtypische Vorstellung einer körperlich engen Familie, das sind wir nicht.

Vielleicht wird sich diese Distanziertheit meiner Tochter noch als kluger Wesenszug heraus stellen. Denn weder ist sie ängstlich, noch ist sie schüchtern. Sie beobachtet lediglich, bevor sie sich einlässt. Immer. Manchmal wünschte ich mir aber, sie wäre etwas offener. Aber vielleicht sind Kinder eben doch nichts anderes als kleine Persönlichkeiten, die uns Erwachsene viel weniger brauchen, als allgemein angenommen. Die Hoffnung, dass sie ein ganz normales Kind ist und wird, die schwindet nicht. Dass ich, als ich Vater wurde, mir einige Dinge irgendwie anders vorgestellt habe, nun ja, an diese Fehlschlüsse gewöhnt man sich wohl mit der Zeit. Ich warte also noch mit dem Formular für die Kostenübernahme..


Als bloggender Vater einer dreijährigen Tochter schreibt Johnny über das Familienleben zwischen Kita, Kleinkind und Vereinbarkeit.

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  1. Schön geschrieben! Und wenn ich mal kurz zusammenfassen darf: Aussuchen is‘ nich‘! Ich hatte auch immer gedacht, ich bekomme ein ruhiges und braves Kind, so eins wie ich mal war. Jetzt hab ich einen kleinen Krawallo sondergleichen, der willensstark und nicht zu bremsen ist. Naja, ich hab mich arrangiert. Und irgendwie finde ich ruhige Kinder im Vergleich mittlerweile sogar komisch. ;)

    Zum Thema Nähe zulassen: Wie alt ist denn eure Tochter? Mein Sohn ist zwei und lässt sich auch erst seit circa einem halben Jahr richtig kuscheln und fordert das sogar richtig ein. Früher war er auch immer eher abweisend. Aber ich habe nicht aufgegeben und vehement zwangsgekuschelt. Hat sich wohl gelohnt. Wichtig ist aber wohl auch, dass man respektiert, wenn Kinder Nein zu etwas sagen. Irgendwann entwickeln sie sich vielleicht von alleine in unsere Richtung. Und wenn nicht, dann ist es eben so.

  2. Mara

    28 November

    Also, wir haben hier auch einen Zwerg, der nicht kuscheln mag. Während zwei Zwerge unser Bett eroberten, kam der Distanz-Zwerg zwar zu uns, wenn er einen Alptraum hatte, wollte dann aber zurück ins sein eigenes Bett.
    Küssen darf ich ihn nur zum Abschiednehmen (irgendwie scheint dies als Ritual durchzugehen), ansonsten erinnert er uns ständig daran, dass er Küsse nicht mag.
    Und schon als Baby wollte er Freiheit, während der Bruder gepuckt wurde und sich im Tragetuch richtig wohl fühlte.
    Seit einigen Monaten will er aber auch einen Arm, wenn ich vorlese (was rein anatomisch ein wenig schwierig bei Zwillingen ist) und schlüpft morgens unter meine Bettdecke. Mittlerweile schiebt er nicht einmal mehr meinen Arm zur Seite …
    Insgesamt finde ich es immer wieder erstaunlich, wie ausgereift schon die Babypersönlichkeiten sind, und wenn ich jetzt vergleiche, wie sich aus den Babys Sechsjährige entwickelt haben, sehe ich Parallelen.
    Also warte ich auch noch ein wenig mit der Anmeldung …
    Mit den besten Grüßen,
    Mara

  3. Es gibt so Kinder, die nicht geschmust und geknutscht werden wollen. Auch wenn das manchmal schwer ist, ist es, denke ich wichtig, dass man das akzeptiert. Das Kind soll ja von klein auf lernen, dass es selber über seinen Körper bestimmen darf… Saskia vom Blog „Essential Unfairness“ hat vor einiger Zeit einen Gastbeitrag über das Thema auf meinem Blog veröffentlicht, der wirklich sehr interessant ist. Das sollte man sich zu Herzen nehmen:
    https://marmeladenschuh.wordpress.com/2015/11/06/anni-fragt/

  4. […] jedes Kind möchte kuscheln. Jonny hat mit seinem Beitrag „Wenn das Kind keine körperliche Nähe will“ einen Nerv bei mir getroffen, erkenne ich doch ein paar […]

  5. Madame X

    1 Dezember

    Wir haben hier auch so einen Kuschelverweigerer. Familienbett und insbesondere in meinem Arm schlafen ist für meinen Sohn (jetzt 3) die Höchststrafe. Schon immer gewesen. So mit 2 wurde er deutlich kuschliger, wie auf dem Schoß sitzen beim Vorlesen…aber sonst kommt wenn ich ihn knutschen will nur ein:“Iiiiiihhhh“. Ist einfach so. Als Baby fand ich es sehr hart, vor allem wenn es ihm schlecht ging (Zähne), ihn nicht in den Arm nehmen zu dürfen (und wenn doch, das kam in drei Jahren bestimmt so 2,3 Mal vor…), wusste ich, jetzt geht es ihm richtig mies. Mittlerweile haben wir das einfach akzeptiert. Er fordert die Nähe auf andere Art und Weise ein (zusammen lesen, Hand in Hand laufen, beim Anziehen auch mit 3 geholfen bekommen….) und die gebe ich ihm.

  6. Kai

    31 Dezember

    Interessantes Thema. Als Noch-nicht-Eltern macht man sich da keine großartigen Gedanken. Kleinkinder verbindet man erstmal mit erhöhtem Kuschelbedürfnis. Hab aber jetzt schon auf einigen Blogs gelesen, dass dem nicht so ist.
    Und vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass ich da schon ein paar Erfahrungsberichte gelesen habe. Dann bin ich vielleicht nicht ganz so enttäuscht, wenn meine Tochter in Kürze ein ähnlich „distanziertes“ Verhalten an den Tag legt.

    • johnny

      31 Dezember

      Einfach nicht verrückt machen lassen. Man kann sich nicht auf alles vorbereiten, sollte man auch gar nicht. Solange man sich einlassen kann, wenn’s soweit ist.

  7. Julia

    31 Dezember

    Wir konnten uns auch das Geld für den Baby-Massage-Kurs sparen. Inzwischen greift die kleine Lady (ein Jahr alt) etwa einmal die Woche gezielt in den Eimer mit Bällen, zieht einen der Massagebälle mit Noppen raus, hält ihn uns mit ernstem Gesicht hin und lässt sich vielsagend auf den Boden plumpsen. Einmal Wellnes, bitte.

  8. Mein Sohn war/ist schon immer, also wirklich von Anfang an, genau so ein unkuscheliges, abwehrendes Kind und ich habe aktuell mal verbloggt, wie sich das durch die kleine Schwester verändert hat. Total schön zu sehen.

    http://fruehlingskindermama.blogspot.de/2016/01/wie-die-kleine-den-groen-zartlichkeiten.html?showComment=1454019212830#c8326524144191444619

    Du bist auch verlinkt :-)

    Viele Grüße!

    • johnny

      29 Januar

      Vielen Dank für Deinen Link. Habe ich gerne gelesen! Danke natürlich auch für die liebe Verlinkung! :)
      LG

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