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Hallo New York: Wickeltische auf Herrentoiletten o...

Hallo New York: Wickeltische auf Herrentoiletten oder doch lieber Familienpolitik?

Wickeltische auf Herrentoiletten oder doch lieber eine bessere Familienpolitik?

Hallo Familienpolitik, Hallo New York. Ja, der Wickeltisch auf der Herrentoilette. In manch schwedischem Schnellmöbelrestaurant bereits Standard, in manch anderem Restaurant ebenfalls so schon zu finden, bleibt es im bundesweiten Vergleich dennoch die absolute Ausnahme. Ich frage mich nicht, warum dem so ist, sondern viel mehr, ob ich diesen Umstand wirklich ändern wollen würde? Jetzt hat die Stadt New York ihrerseits einfach Nägel mit Köpfen gemacht und ein Gesetz erlassen, welches stadtweit auch für öffentlichen Herrentoiletten einen Wickeltisch vorsieht.

Die Idee ist im US-amerikanische Raum ja indes gar nicht neu, bekommt medial aber gerade wieder ein wenig Aufwind. Zeit, sich noch einmal selbst zu hinterfragen. Nun, das Vatersein macht einen Mann noch lange nicht zum Feministen. Die ewig währenden Diskussionen um Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie aktuelle Väterstudien beweisen, dass Väter weitaus weniger bereit sind, für ihre Familie berufliche Kompromisse einzugehen.

Dass es überhaupt Kompromisse sein müssen zeigt, dass das Problem nicht ausschließlich väterlicherseits liegt, sondern teils auch an einem wirtschaftlichen System, dessen hauptsächlich männliche Träger den Mann schlichtweg bevorzugen. Dies bedeutet im Umkehrschluss natürlich auch, dass Männer, die sich von dieser konstruiert männlichen Rolle abwenden, um sich beispielsweise stärker um ihre Familie zu kümmern, wenig bis gar nicht angesehen werden. Familienengagierte Väter werden ebenso wie z.B. alleinerziehende Mütter oder alternative Familienmodelle von Gesellschaft und Politik an vielen Stellen zu Unrecht benachteiligt.

Die bundesweite Einführung von Wickeltischen auf Herrentoiletten in öffentlichen Gebäude, ganz an dem New York-Modell, ja, das könnte ein politisches Signalfeuer für eine neue Familienpolitik sein. Auch, um diejenigen Väter, die sich mehr Zeit für ihre Familie nehmen, in ihrem Tun wenigstens symbolisch zu unterstützen. Ich frage mich aber: Gäbe es an dieser Stelle nicht vielleicht doch noch auch andere Leuchtfeuer, die viel stärker leuchten könnten, ohne andere, in Familiendingen ebenfalls Benachteiligte auszuklammern? Sollte man sich als Mann nicht eher für „mütterliche“ Belange einsetzen? Beginnt Familienpolitik nicht bereits dort, wo eine Schwangere nicht mehr frei für sich entscheiden kann, wo und wie sie gebären möchte? Väter sind für Kinder wichtig. Vielleicht aber gibt es derzeit wichtigeres als Wickeltische. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen: Fehlende Wickeltische auf Herrentoiletten, ist das nicht allenfalls ein Luxusproblem?

Persönlich wäre mir ein Wickeltisch auf der Herrentoilette oder wenigstens doch im Toilettenvorraum eine eindeutig willkommene Möglichkeit. Wesentlich willkommener, als öffentliche Toiletten in Kaufhäusern, die oftmals zwar keinen Wickeltisch, dafür aber eine schöne blaue Beleuchtung zwecks Junkie-Abwehr haben. Toll. Aber auch Unisex-Toiletten, wie sie aus LGBT-Zusammenhängen immer wieder mal gefordert werden, könnte ich mir gut vorstellen, zumal sie jedweden Wind aus der Wickeltisch-Frage nehmen würden. Es gäbe ja schlichtweg keine Herrentoiletten mehr. Fehlt also nur noch der Wickeltisch. Oder mal etwas ganz Verrücktes: Wickeltische ohne Toiletten? Aber: Um am Leben meiner Tochter teilzuhaben, hänge ich nicht von Toiletten in der Öffentlichkeit ab. Auch nicht von den hiesigen Wickelmöglichkeiten. Sicherlich würde mich ein Wickeltisch so manche Situation entspannter angehen lassen, aber: im Zweifel wird eben gewickelt, wo Platz ist. Eine Familienpolitik, die sich stärker um die Rechte von Alleinerziehenden, Getrennterziehenden, Gebärenden und so weiter kümmert, wäre mir ohnehin deutlich lieber als ein zwangsverordneter Wickeltisch auf irgendeiner öffentlichen Toilette im Park, an der Autobahn oder in einem Restaurant. Außerdem habe ich überhaupt keine Skrupel, auch mal eine Damentoilette zu betreten. Wäre ja immerhin nicht das erste Mal – ganz im Gegenteil.


Als Alleinerziehender und bloggender Vater einer vierjährigen Tochter schreibt Johnny über das Leben als Einelternfamilie - und über Kinderbücher.

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  1. Mir ist bislang genau ein Wickeltisch auf einer Herrentoilette begegnet. Das fand ich gut und witzig, dass mal nicht immer die sowieso stärker frequentierte Damentoilette noch mit einem Wickelplatz eingeengt wird. Dabei sollte man sich vermutlich nicht beschweren, meistens bin ich schon froh, wenn es überhaupt Wickelmöglichkeiten gibt und ich nicht auf den Fußboden muss. Bis ich den Platz dann benutzen musste – drei Herren sind in den zwei Minuten, die ich für einen schnellen Windelwechsel brauchte, reingekommen und rückwärts wieder rausgegangen. Ist das wirklich so schlimm, eine Frau auf der Herrentoilette zu finden? Spätestens beim dritten Herrn kam ich mir wie ein Störenfried vor, und jetzt mag ich diesen Wickelplatz nicht mehr nutzen.

    Andersherum ist es uns auch abwr auch schon passiert. Im Schwimmbad in der Gruppenumkleide (zwei Erwachsene plus drei Kinder gleich Gruppe) stand der Wickeltisch bei den Damen. Und da ich schlecht drei Kinder und mich selbst alleine umziehen kann, kam mein Mann mit. Er war noch nicht umgezogen und wickelte – und eine ältere Dame beschwerte sich über seine Anwesenheit dreimal bei ihm, einmal beim Bademeister und einmal an der Kasse. Wieso denn keiner den Mann entfernen würde? Ich habe mich derweilen gefragt, wieso denn keiner diese Einzelperson aus der Gruppenumkleide entfernt?

    Die einzig richtige Lösung wäre wohl, die Wickelplätze irgendwo einzurichten, wo noch nicht nach Geschlechtern getrennt wird. Aber wie gesagt, eigentlich bin ich froh, wenn es überhaupt welche gibt. Und wenn man schon nach Geschlechtern trennt, müsste man eigentlich zwei aufstellen, damit sich bloß keiner gestört fühlt. Wobei die Eltern nicht das Problem sind…

  2. Habe das Klothema vor Jahresfrist mal in einem anderen Kontext gestreift (http://wp.me/p4WCtx-4i). Wer nicht rüberwechseln will, die einschlägige Kurzfassung: Im Phantasialand bei Köln gibt es auf den Herrenörtlichkeiten einschlägige Hinweise, wo mann gendergerecht wickeln kann. Löblich. Ansonsten sehe und erlebe ich die Geschlechtertrennung beim Klogang pragmatisch. Ist die Damentoilette mal wieder überlaufen, schleichen sich die Mädels an den Pissoirs bei uns vorbei. Und ich habe schon oft genug auf den Damentoiletten gewickelt, anstandslos (für den ein oder anderen vielleicht auch in der Wortbedeutung Anstands los…), auch in verschiedenen Ländern. Lasst uns die Gendergleichberechtigung nicht daran festmachen.

  3. Steven

    15 Mai

    Es hat sich zu diesem Thema in den letzten mehr als 10 Jahren nicht viel geändert, als ich selber die Elternzeit für meine Tochter nahm. Die Herren der Schöpfung sind trotz Fördermittel nicht wirklich mehr geworden, welche auch die komplette Elternzeit in Anspruch nehmen. So entsprechend auch der Zuwachs an bedarfgerechter Möglichkeit sein Kind zu wickeln im öffentlichem Raum. Die Probleme ware damals schon bekannt, wenn der Vater mit dem Baby zum Babyschwimmen geht, aber auf der Herrenseite keine Ablagemöglichkeiten gibt. Zum anderen ist man eh er einige Herr. Mit Glück gesellt sichein weiter dazu. die Gesellschaft akzeptiert noch lange nicht, das aich der Vater die Pflichten übernehmen kann, die sonst die Mutter übernommen hatte. Genauso wie schon beschrieben, der Gang auf Örtliche, wenn das Kleinkind muss. Ob Schwimmbad, Restaurant, Öffentliche Orte, so gut wie nie wurde daran gedacht, diese Problematik gleichartig zu versorgen.

  4. Ein spannendes Thema, lieber Johnny. Auch wenn wir schon längst aus dem Wickeltischalter raus sind, war uns bei unseren Urlauben an der Ostsee aufgefallen, dass der Anteil an Herrentoiletten mit Wickeltisch und eigene Spielecke im Restaurant für die Kleinen, höher war, als hier im südlichen Exil. Das höchste der Gefühle ist ein Glas mit Stiften, mehr oder weniger maltauglich. Papier ist bitte selbst mitzubringen. Es muss sich da noch viel tun. Ein wenig vom Thema ab, aber im Hinblick auf unterschiedlichste Familienmodelle heutzutage, könnte man sich die Frage stellen, ob Eltern-Kind-Parkplätze in der bisherigen Form zeitgemäß sind oder wie sie aussehen könnten. Dazu passt dieser Werbespot https://www.horizont.net/agenturen/nachrichten/grey-london-volvo-und-das-starke-statement-fuer-die-nicht-traditionelle-familie-168273

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