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Väter sollten ihren Kindern mehr vorlesen, oder?

Väter sollten ihren Kindern mehr vorlesen, oder?

Die Stiftung Lesen hat in einer Erhebung herausgefunden, daß nur ungefähr neun Prozent der Väter ihren Kindern regelmäßig vorlesen. Was diese Zahl gleichermaßen relativiert wie dramatisch erscheinen lässt, ist die Tatsache, dass dies die befragten Kinder selbst sagen. Neun Prozent geben also an: Papa liest mir nicht vor! Als Eltern weiß man natürlich, dass Kinder es manchmal nicht so ganz genau mit der Wahrheit nehmen. Doch auch umgekehrt wird’s kaum optimistischer: Fast 50% der Väter behaupten sogar von sich selbst, sie würden ihrem Nachwuchs selten bis gar nicht vorlesen. Gedanken von einem selbsternannten Vorlese-Papa.

Es ist dieses Klischee geschlechtlich geprägter Elternrollen: Mütter fördern, Väter fordern. Während die Mutter also vorliest, tobt der Vater hinterher mit dem Nachwuchs umher. Diese Verteilung muss per se auch überhaupt nicht schlecht sein. Solange man es eben die Zeit völlig ungeteilt mit dem Kind verbringt, kann es doch egal sein, ob man diese nun lesend oder tobend verbringt, oder? Nun ja, nicht ganz.

Mal rein hypothetisch: Wenn eine Mutter ihrer Tochter viel vorliest, ist es dann nicht wahrscheinlich, daß die Tochter auch irgendwann selbständig zum Buch greift? Wenn ein Vater seinem Sohn nur selten bis gar nicht vorliest, wie wahrscheinlich ist es, daß dieses Kind später ein Buch in die Hand nehmen wird? Immerhin orientieren sich Kinder an ihren Eltern wie sie sich auch schon früh an ihren, furchtbares Wort: Geschlechtsgenossen orientieren. Nicht immer, aber doch sehr oft.

An dieser Stelle muss ich kurz ausholen. Auf dem MärchenEvent von Nivea hatte ich kürzlich die Gelegenheit, mich mit einem Autor vieler schöner Kinderbücher zu unterhalten. Udo Weigelt hat uns nicht nur den schlecht gelaunten Dachs ins Regal gezaubert, sondern auch die NiveaMärchen – kurze Kindererzählungen mit sage und schreibe 2000 Zeichen(!) – verfasst. Man kann mit dem Vorlesen also auch mit ganz kurzen Geschichten beginnen. Eine, seiner neuesten Geschichten „Hase, der Eiskunstläufer“ habe ich gemeinsam mit den lieben Kolleginnen von berlinfreckles und MummyMag laut vorgelesen. Bei dem Spaß, den wir beim Vorlesen selbst ohne Kinder hatten, fragte ich mich hinterher schon ernsthaft: Wie kann man als Papa nicht vorlesen wollen?

Vielleicht gehört eine Portion Schauspiel, eine Portion Theater und vielleicht auch ein kleiner Schuss Musical dazu. Eine gewisse Resistenz gegenüber Wiederholung ist indes auch nicht zu verachten. Ja, na gut, vorlesen ist anstrenged. Vorlesen wird auch schnell langweilig, wenn sich das Kind immer und immer wieder die gleiche Geschichte von einem wünscht.

Und trotzdem gibt es nichts Schöneres, als vormittags mit dem Kind im Bett liegenzubleiben – und vorzulesen. Dann darf es auch gern immer und immer wieder die gleiche Geschichte sein. Mit immer und immer den gleichen Fragen und immer den gleichen Glucksern an den immer gleichen Stellen. Vorlesen verbindet nicht nur, es gibt auch merklich Sicherheit.

Mir ist klar, daß es in Deutschland mehr als sieben Millionen funktionale Analphabeten gibt, für die das Vorlesen bereits kurzer Texte nackter Überlebenskampf bedeutet. Dennoch möchte ich glauben, daß die meisten Väter der Kulturtechnik Lesen mächtig sind. Es wird Zeit, daß sie dies auch gegenüber ihren Kindern unter Beweis stellen. Außerdem: Je öfter man es macht, desto leichter fällt’s und desto mehr kann man es auch genießen. Großes Vorlese-Papa-Ehrenwort.


Als Alleinerziehender und bloggender Vater einer vierjährigen Tochter schreibt Johnny über das Leben als Einelternfamilie - und über Kinderbücher.

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  1. Sari

    11 Oktober

    Mein Vater hat mir als Kind viel vorgelesen. Ganz wie Mo aus Tintenherz hatte er eine Vorlesestimme, die die Geschichten zum Leben erwachen ließ. Sanft und lebhaft, wandelbar und angenehm. Ich habe diese Zeiten am Abend sehr geliebt. Ich finde wir Frauen habe da doch eine vollkommen andere Stimmlage. Gerade der Mann mit seinem angenehmen Bass hat so ein schönes Vibrieren in der Stimme…

    Nun ja.. gerade weil ich als Kind es so geliebt habe, habe ich hier im Heldenhaushalt von Anfang an darauf bestanden, dass auch der Mann vorliest. Auch wenn er selber eher ungerne oder selten liest, den Kindern liest er vor. Wir wechseln uns da immer ab, weil es so eine wertvolle und ruhige Zeit nach einem langen Tag ist.

  2. Mein Vater hat mir und meiner Schwester auch viel vorgelesen in unserer Kindheit, und es gehört zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen, wie wir zu dritt aneinandergekuschelt auf dem Sofa Abenteuergeschichten „erlebt“ haben. Im Urlaub haben wir auf langen Wanderungen zwischendurch Halt gemacht und er hat uns ein Kapitel vorgelesen, z. B. aus der „Schatzinsel“ – das möchte ich mit meinen Kindern später auch unbedingt so machen!
    Zum Glück ist mein Mann eine große Leseratte (wie ich) und liebt es, unserer Zweijährigen jeden Abend vorm Schlafengehen vorzulesen! Tagsüber übernehme ich das Vorlesen, vorzugsweise wenn ich das Baby stille, da sitzt man eh ne Weile rum ;-)

  3. […] der Woche – Ich hatte sehr viel Freude an dem Artikel von Johnny zum Thema „Väter sollten ihren Kindern mehr vorlesen, oder?„. Mir ist das Thema deshalb so wichtig, weil ich es als Kind sehr geliebt habe, wenn mein […]

  4. Jürgen

    5 Januar

    Als Vater von Zwillingen kann ich auch von sehr guten Erfahrungen mit dem Vorlesen berichten. Bei uns sind die Kinder inzwischen schon 7 Jahre alt, und lesen natürlich jetzt auch schon selbst. Ich denke, dass das regelmäßige Vorlesen am Abend vor dem Schlafengehen sehr dazu beigetragen hat, dass sie jetzt auch selbständig immer wieder Bücher in die Hand nehmen. Und sollten wir einmal nicht die Zeit finden am Abend gemeinsam mit den Kindern zu lesen, hören wir immer wieder die Frage… „dürfen wir noch alleine lesen?“. Und natürlich dürfen sie das, aber das zeigt uns, dass sie das Lesen sehr schön finden.
    Bei uns war es immer ein „doppeltes“ Vorlesen, denn jedes Kind durfte sich eine Geschichte aussuchen und die wurden dann von uns vorgelesen. Jetzt ist es so, dass beide nacheinander selbst vorlesen dürfen… und natürlich als Krönung machen wir das auch zwischendurch.

  5. […] auf dem Bildschirm hin- und herzubewegen. Und irgendwie ist das auch gut so. Das ganz klassische Lesen und Vorlesen macht ohnehin viel mehr […]

  6. […] ein Weilchen so bleibt, lese ich meiner Tochter vor. Bereits an anderer Stelle habe ich mich als „Vorlese-Papa“ bezeichnet. Und wissen Sie was: Es eine der besten Papa-Rollen, die ich mir vorstellen […]

  7. […] auf dem Bildschirm hin- und herzubewegen. Und irgendwie ist das auch gut so. Das ganz klassische Lesen und Vorlesen macht ohnehin viel mehr […]

  8. […] bin – vollkommen unabhängig von entsprechenden wissenschaftlichen Empfehlungen, die es zweifelsohne gibt – der festen Überzeugung, dass Lesen und Vorlesen jedes Kind fördert und fordere euch daher […]

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