Vatersein
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Was ich als Vater einer Tochter nicht vermisse

Damals, als mein Bart noch nicht aussah wie die Sommerresidenz vom Weihnachtsmann und mein Haupthaar immer noch wohlwollend als „Out of bed“-Look durchging. Ungefähr zu der Zeit gab es etwas, das man „fomo“ nannte. Die Älteren erinnern sich vielleicht: „fear of missing out“. Die Angst davor also, all Deine Freunde und Aliens, die sich für Deine Freunde ausgeben, könnten ohne dich feiern. Als Vater möchte ich keinem alten Leben nachhängen. Soll’s doch an mir vorüberziehen – ich bleib‘ lieber zu Hause. Was ich als Vater heuzte vermisse? Nichts! Und ich sag‘ Ihnen auch, warum…

Wer den Artikel lieber in gut sechs Minuten einfach durchhören möchte, drückt dafür auf „play“. Aber Vorsicht: Der Autor liest selbst. Nicht immer ganz fachgerecht. Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt:

 

Mit dem Alter kommt, nun ja, nicht die Geduld, nicht die Weisheit, sondern vorrangig erst einmal das Alter. Und damit eben auch der Verfall. Oder glauben Sie, ich verbringe zum Spaß derzeit im Schnitt einmal pro Woche meine Stunden beim Zahnarzt?

Zeit mit den Kindern verbringen – nicht mit dem Hobby

Davon einmal abgesehen frage ich mich natürlich schon manchmal: Was vermisse ich als Vater eigentlich? Statistisch betrachtet, verbringen Väter am Wochenende zwei Stunden mit ihren Kindern. Mindestens genauso viele Stunden mehr, verbringen sie nach der Geburt ihres ersten Kindes mit ihrem Hobby. Wie passt das zusammen? Ist das Hobby wichtiger als das Kind? Ist es die Angst, selbst zu kurz zu kommen oder gar etwas Fundamentales zu vermissen? Ich muss gestehen, wenn ich mir die Zahlen aus dem aktuellem Väterreport, wie auch anderer Studien anschaue, verstehe ich das Phänomen Vater werden immer weniger. Für mich persönlich stellt sich das wesentlich einfacher dar!

Die Angst, etwas Grundlegendes bis Legen- wait for it -däres zu verpassen, ist seit der Geburt meiner „Frau Doktor Mama Löwe“ (von noobs auch Tochter genannt) nach und nach der Freude gewichen. Der Freude daran, einfach so zu Hause bleiben zu können: „the joy of missing out“ oder auch „jomo“. Die hohe Kunst des Verpassens. Einfach, weil man es kann.

Abenteuer satt: Als Vater einer Tochter

Ich vermisse die langen Abende nicht. Ich vermisse die Parties nicht, bei denen ich mich bis spät in die Nacht fragte, wer um Himmels Willen hier überhaupt für die Musik zuständig sei – „Und ob Du lachst oder weinst, gleich gibt’s Simple Minds“! Ich vermisse es auch nicht, betrunken auf einer Parkbank aufzuwachen, nach Hause zu laufen, wieder zurückzulaufen, weil ich meinen Rucksack vergessen habe, verwirrt die Bank zu suchen, wieder nach Hause zu laufen, die Tür nicht aufzukriegen, im Treppenhaus einzuschlafen, wieder aufzuwachen, es nochmal zu probieren und irgendwann morgens um 07:00 Uhr in Klamotten auf dem Bett wieder einzuschlafen. Ich vermisse ebenso wenig die überfüllten Silvesterparties, während derer Bier mit Spülmittel gemischt wurde und man für den Rest des Abends nicht genau wusste, ob man den Giftnotruf oder doch lieber Pizzaboy rufen sollte?

Doch genug von den Party-Geschichten. Wie Opa schon immer gerne sagte: Wer feiern kann, der kann auch arbeiten. Seltsam, denn: Ich vermisse auch die angebliche Karriere nicht, die mir durch das Kind entgangen sein soll. Dieses selbstoptimierend kapitalistische „Hauptsache mehr, Hauptsache es geht weiter“, welches sich durch sämtliche Lebens- und Blogbereiche zieht. Nein, das will mir irgendwie nicht liegen. Warum sonst habe ich ein zweites Studium begonnen und in mindestens fünf verschiedenen Bereichen gearbeitet? Eben, um es mal auszuprobieren. Ich spiele nicht, um zu gewinnen. Ich spiele, um zu spielen. Es sei denn, es gibt Käsestreuselkuchen zu gewinnen. Dann sollten sie sich lieber in Luftpolsterfolie einpacken, wie man so sagt.

Ich vermisse es auch nicht, nächtelang Serien zu schauen. So, wie ich das mehrfach mit allen Staffeln von 24, LOST, Dexter, True Detective, Fargo, The Leftovers, Friends, Seinfeld, Breaking Bad, The Walking Dead, The 4400, Narcos, Preacher, Better Call Saul, The Young Pope The booth at the end, The Returned und vielen anderen getan habe. Aufmerksame LeserInnen merken sofort: Moment mal! Da sind ja ganz aktuelle Serien dabei! Das stimmt. Als Nachteule schaue ich nämlich immer noch heimlich zu mondscheinender Stunde Serien und Filmchen. Mal nebenbei auf dem Rechner, mal auf dem großen Bildschirm. Das geht auch mit Kind immer noch ganz wunderbar. Solange man eben mit weniger als fünf bis sechs Stunden Schlaf pro Nacht auskommt.. uff.

Was ich statt dessen vermissen würde

Ich vermisse die großen Abenteuer, die mich an neue Orte bringen nicht. Vater einer Tochter zu sein, dass ist mir für’s Erste einmal Abenteuer genug. Wann sonst wechseln sich kurze Momente der Ruhe und der Dankbarkeit mit eruptiven Wutausbrüchen ab – und zwar im Minutentakt? Dann, wenn der Käse nicht korrekt auf der Brotscheibe liegt. Oder wenn der Rock, den sich die Tochter anziehen möchte in Wirklichkeit gar kein Rock, sondern eine Einkaufstüte ist und sie verzweifelt versucht, ihre Beine durchzustecken. Dann geht man eben die Schere holen und lacht später gemeinsam darüber – ohne den „Rock“ wieder auszuziehen, ist ja klar.

Meine Zeit als Vater ist begrenzt. Solche Momente im Kindesalter sind einzigartig und lassen sich nur schwer wiederholen. Also lebe ich sie, ganz alltäglich und zwar ohne den Wunsch nach etwas anderem. So einfach ist das eben manchmal.

Eine Sache aber vermisse ich vielleicht dann doch. Und das manchmal vielleicht sogar mehr, als ich derzeit bereit bin zuzugeben. Die Rede ist vom Meer. Das hat aber eigentlich nichts mit meiner Tochter und mir zu tun, wie ich vermute. Vermisst nicht jeder von uns stets und immer und immer wieder das weite Meer? Aber nicht mehr lang und bald schon werden wir auch das gemeinsam tun. Also ans Meer fahren – und es dann vielleicht auch wieder vermissen.

8 Kommentare

  1. Denise sagt

    Sehr schön geschrieben! Es gibt nichts Schöneres oder Wichtigeres als Mutter oder Vater zu sein!

  2. Anonymous sagt

    Ich habe But alive sofort erkannt und verstanden.aaaaar awwwow.
    Ich musste daran denken, wie die Band mich irgendwie durch die letzten Jahre der 90iger brachte, viel zu jung um die coolen 80er und Anfänge der 90er mitgemischt zu haben und nur noch ein klitzkleines bißchen zu klein um aus dem Dorf auszubrechen und endlich in die Welt zu stürmen. Nur zur Erinnerung, damals schrieben sich die Punkkids noch Briefe, um ins Internet zu kommen mußte man die Telefonanlage der Familie lahmlegen und einen mittleren Kredit aufnehmen. Heimlich ging auch nicht, weil die Modems damals so laut pipsten, dass es an eine Alarmanlage locker heran reichte. Und zu allem Überfluß stand dann kaum mal was interessantes drin im world wide web.
    nur nicht zynisch werden…. Punkrock in Dauerschleife kann durchaus zur Lebenserhaltenen Maßnahme werden, wenn man sehr isoliert in nem Nazikaff aufwächst. UND DANN wurde auf einen Schlag ALLES zerstört, als ich mit 16/17 bei einem der seltenen Ausbrüche irgendwann um die Jahrtausendwende bei einer WG Party in HH landete. ICH stehe mit gefühlten 50 Leuten in der Küche rum, versuche nicht aufzufallen und denke mir irgendwann „maaaan was quatscht der Idiot neben mir eigentlicht für eine Kacke?!?!“ Ich dreh mich um und da steht DIE IKONE vor mir.
    Sooo schnell ist noch nie ein Lebensretterheld gestorben…
    Danke Johonny, ich habe gerade realisiert das das schon über mein halbes Leben her ist. JETZT fühle ich mich plötzlich doch etwas alt

  3. Ich habe But alive sofort erkannt und verstanden.aaaaar awwwow.
    Ich musste daran denken, wie die Band mich irgendwie durch die letzten Jahre der 90iger brachte, viel zu jung um die coolen 80er und Anfänge der 90er mitgemischt zu haben und nur noch ein klitzkleines bißchen zu klein um aus dem Dorf auszubrechen und endlich in die Welt zu stürmen. Nur zur Erinnerung, damals schrieben sich die Punkkids noch Briefe, um ins Internet zu kommen mußte man die Telefonanlage der Familie lahmlegen und einen mittleren Kredit aufnehmen. Heimlich ging auch nicht, weil die Modems damals so laut pipsten, dass es an eine Alarmanlage locker heran reichte. Und zu allem Überfluß stand dann kaum mal was interessantes drin im world wide web.
    nur nicht zynisch werden…. Punkrock in Dauerschleife kann durchaus zur Lebenserhaltenen Maßnahme werden, wenn man sehr isoliert in nem Nazikaff aufwächst. UND DANN wurde auf einen Schlag ALLES zerstört, als ich mit 16/17 bei einem der seltenen Ausbrüche irgendwann um die Jahrtausendwende bei einer WG Party in HH landete. ICH stehe mit gefühlten 50 Leuten in der Küche rum, versuche nicht aufzufallen und denke mir irgendwann „maaaan was quatscht der Idiot neben mir eigentlicht für eine Kacke?!?!“ Ich dreh mich um und da steht DIE IKONE vor mir.
    Sooo schnell ist noch nie ein Lebensretterheld gestorben…
    Danke Johonny, ich habe gerade realisiert das das schon über mein halbes Leben her ist. JETZT fühle ich mich plötzlich doch etwas alt

    • Hallo Nat,

      glaube mir, wenn ich dir sage: Man selbst fühlt sich auch unglaublich alt, wenn man ..but alive Zitate ständig und überall einbauen will. Ich bin ja erstaunt, dass es tatsächlich da draußen gibt, der diese kleinen Punk-Fallen überhaupt erkenn! ;) Ich hab die Band ja auch zu spät entdeckt..

      Irgendwie klingt das, als kämest Du aus eine ostfriesischen Ecke.. seltsam. Man sollte sich seinen Vorbildern aber niemals nie zu sehr annähern. Das enttäuscht nur, ich habe habe das auch erlebt, leider…

      Liebe Grüße,
      Johnny

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