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Die Couch auf dem Vulkan, oder: Meine Bilanz nach ...

Die Couch auf dem Vulkan, oder: Meine Bilanz nach einem halben Jahr als alleinerziehender Vater

Bilanz als alleinerziehender Vater einer Tochter

Es gibt Leben, die sind anstrengender als andere. Schön anders, aber eben auch anstrengend. Seit mehr als einem halben Jahr bin ich alleinerziehend. Ohne familiäres Netzwerk und ohne einen Plan B bleiben die Dreijährige und ich im Alltag allein. Und sollte ich mal krank werden so, Nein Moment, ich werde ja gar nicht krank. Wie auch und wann überhaupt? Schlaf, wenn das Kind schläft, sei krank, wenn das Kind krank ist – wer das allen Ernstes von sich gibt, hat wahrscheinlich das Kind auch gerade bei der Großmutter geparkt.

Seit einigen Wochen übernachtet meine Tochter übrigens tatsächlich denn auch mal bei ihrer Mutter. Vornehmlich am Wochenende. Erst war es eine Nacht, nun nähern wir uns den maximal zwei Nächten. Eine echte Erleichterung ist dies indes jedoch nicht – im Gegenteil. Das kinderfreie Leben erkaufe ich mir durch Stunden, in denen meine Tochter ihren Frust und Ärger an mir auslässt. Ich muss sie auffangen, mit ihr den Platz in der Welt finden. An mir probiert sie sich aus und arbeitet sich ab. Und das gerne auch mal über meine persönliche Belastungsgrenze hinaus.

Belastungsgrenzen sind schnell erreicht

Früher habe ich bei dem Thema persönliche Grenzen noch mit den Schultern gezuckt. Zu selten und zu wenig habe ich erfahren, wo die bei mir eigentlich genau liegen sollen. Ich bin ziemlich belastbar, wenn offen gestanden auch nicht stressresistent. Ich kann trotz augenscheinlicher Ruhe sehr schnell in Konfusion verfallen, finde aber auch schnell wieder aus dieser Situation heraus. Auch bin ich nicht der Typ, der Urlaub braucht, um sich zu entspannen.

Wenn ich vor einem Jahr bei anderen Alleinerziehenden, vorrangig Müttern, still heimlich mitlas, ahnte ich zwar schon, dass dieses Alleinerziehendendings schwerer sein könnte als angenommen. Was sie jedoch genau meinten, wenn sie von Belastbarkeitsgrenzen und Erschöpfung sprachen und schrieben, von der Stille und dem Alleinsein, das wusste ich hingegen nicht.

Jetzt soll ich mich auch noch entspannen?

Mittlerweile habe ich eine wesentlich bessere Idee davon. Umso wichtiger also, wenn man zwischendurch mal entspannen kann.
Moment, entspannen? Ja, denn die Wege zwischen Arbeit, Haushalt und Kind sind in Wirklichkeit nichts weniger als der Tanz auf dem eigenen Vulkan. Nur, dass dieser nicht ausbricht, sondern es im schlimmsten Fall zu einer Dampfexeplosion kommt – und der Berg in sich zusammenstürzt, bevor alles wieder still wird. Keine Feuerwalze, kein großer Knall. No Alarm and no surprises, das Leben ist Lava.

Ja, heute spüre ich meine Grenzen deutlich. Zum Beispiel dann, wenn ich vormittags an der Ampel stehe und tief durchatme. Oder wenn es mir im Supermarkt zu laut wird und ich mich beeile, der Kaufhölle zu entkomme. Unterwegs oder auch zu Hause am Arbeitstisch. Mein Leben ist Ausnahmezustand und ich merke es jeden einzelnen Tag.

Was wäre wohl, wenn das, was ich fühle, in Wahrheit nicht immer meine persönlichen Belastungsgrenzen sind, sondern schlichtweg starke, teils unverarbeitete Gefühle? Gefühle, die ich bisher nicht kannte oder einfach nur verdrängt habe? Was, wenn die manchmal aufkommende Wut, die mich dann erfasst, wenn das Kind neben mir gerade herumwütet, eben genau das ist? Stark und unverarbeitet, wenn auch natürlich niemals ausgelebt.

Ich weiß es also nicht, ob es die fehlende Erfahrung im Umgang mit wirklich starken Gefühlen ist oder schon eine Grenze meiner Belastbarkeit – oder doch etwas ganz anderes. Ich führe Selbstgespräche. Klar, wen wundert’s als Alleinerziehender, ist ja sonst niemand da. Das Kind ist eben kein Gesprächspartner – das vergisst man bloß allzu schnell. Vornehmlich unterhalte ich mich in Rechtfertigungen – für alles mögliche, manchmal real oder manchmal eben auch nicht.

Freizeit allein auf zwei Quadratmetern

Meine Freizeit lässt sich auf zwei Quadratmeter zusammenfassen: die Couch. Addiert man weitere zwei Quadratmeter, so wird daraus Couch und Netflix. An guten Abenden mit dem Smartphone in der Hand, denn fremde Menschen an fremden Orten unterhalten sich mit mir. An guten Abenden reicht mir das – nicht alle Abende sind gut.

An anderen guten Abenden empfange ich Besuch – während das Kind im Nebenraum schläft. Doch auch so lässt es sich nur bedingt erholen. Was, wenn das Kind aufwacht? Selbst in den Momenten, in denen ich mich eigentlich entspannen könnte, vielleicht sogar fallen lassen sollte, ist die Anspannung greifbar. Ein rotes Licht, dass irgendwo immer aufleuchtet und mich daran hindert, gänzlich loszulassen. Wer immer auf dem Gaspedal steht…

Plot Twist: was meine Tochter mir bei alledem beigebracht hat

Und während ich selbst noch mit dem Erkenntnisgewinn oder wahlweise der Entspannung verhandle, erinnere ich mich an eine Lektion, die mir meine Dreijährige erst kürzlich mit auf den Weg gab – en Passant im Weihnachtsurlaub, wenn man so will. Nach einer Nacht, in der wir uns erst bitter stritten und ich dann mehr als die halbe Nacht auf dem Badezimmerboden lag.

Sich selbst zu hinterfragen, ohne zu zweifeln, obgleich ein wenig Zweifel immer auch erlaubt sein muss. Und das in wirklich jeder Situation, zu jedem Moment. Dass das nicht bedeutet, dass alles falsch ist. Dass alles zu schwer ist, sondern dass man manchmal auch erkennen muss, warum man keine Geduld mehr hatte. Warum man unfair geworden ist. Und warum meine Tochter eigentlich wirklich geweint hat, was ihr eigentliches Bedürfnis war? Und das diese Fragen und Freiräume auch für das Kind gelten:

„Papa, ich wollte dich gar nicht anmeckern!“ – „Ich weiß, Schatz. Wenn man wütend ist, sagt man manchmal Sachen, die man gar nicht sagen will. Ich wollte dich auch nicht anmeckern!“ Und dann halten wir eben doch wieder zusammen. Weil das Leben zu zweit sehr viel verwirrender und fordernder ist als man denkt – und man daran aber auch unglaublich wachsen muss.

Ohne Pointe, ohne guten Ratschlag und ohne, dass man wüsste, wohin das alles führen wird.


Als bloggender Vater einer dreijährigen Tochter schreibt Johnny über das Familienleben zwischen Kita, Kleinkind und Vereinbarkeit.

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  1. Andrea

    8 Februar

    Es klingt so hohl, so platt. Aber es kommt wirklich von Herzen:
    <3

  2. Frances

    9 Februar

    Hallo lieber Johnny,
    Ich Folge dir schon auf insta. Es macht mich sehr traurig wie man irgendwie vereinsamt wenn man alleinerziehend ist. Was für ein problem es vorallem auch als selbstständiger ist. Bisher hat mich dein Schicksal sehr an meinen lieben Freund und Kollegen erinnert. Die Mutter seines Sohnes ist vor anderthalb Jahren an einem gehirntumor gestorben. Sein Sohn ist zwar schon 7 Jahre älter als deine Tochter, aber das macht das Trauma nicht besser, was beim Kind zurück bleibt. Warum ich das jetzt schreibe weiß ich auch nicht. Wahrscheinlich weil ich das nun folgende so unfassbar finde und irgendwie verarbeiten muss. Nachdem er nun 2 Monate Schmerzen im Rücken hatte und Husten ( ganz normalen Husten!!!) Hat man in seiner Schulter einen Tumor gefunden, der in die Lunge, Leber, Wirbelsäule ( die Knochen sind im Rückrat schon zerlöchert) und Hüfte gestreut hat. Wir arbeiten mit krebskranken Menschen als Klinikclowns. Somit haben wir eine Vorstellung davon was es bedeutet so viele Metastasen zu haben.
    Das Leben ist manchmal einfach nicht fair, wenn so gute Menschen….
    Es tut mir leid das ich das jetzt alles hier hin geschrieben habe. Ich hoffe du hast trotzdem ein funktionierendes soziales Netzwerk um dich rund drum. Ich wünsche dir das beste. Mein Sohn ist auch 3. Das ist ein tolles Alter.
    Liebe Grüße Frances
    insta waldflohinderheide

    • johnny

      11 Februar

      Hallo Frances,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Es tut mir leid, dass es ein solch schweres Schicksal in deinem Umfeld gibt. Leben ist tatsächlich sehr verwirrend und unfair. So gesehen geht es mir tatsächlich gut und ich weiß das auch zu schätzen. Liebe Grüße J

  3. Sari

    9 Februar

    Ich bin ehrlich: Ich bin so dankbar, dass ich meinen Partner an meiner Seite habe. Es ist so beeindruckend zu sehen, dass manche Menschen das, was wir hier zu zweit stemmen, alleine schaffen müssen. Ich habe da größten Respekt vor. Immer wenn ich dich und deine Tochter sehe, habe ich eigentlich das Gefühl, dass es alles sehr entspannt bei euch ist bzw. du strahlst so eine angenehme Ruhe aus. Da kann man glatt ein bisschen neidisch auf deine Tochter sein :) Und sie weiß das sicher auch zu schätzen. So oder so: Ihr seid sicher ein tolles (und starkes) Team!
    Danke für diesen so persönlichen und ehrlichen Artikel.

    • johnny

      11 Februar

      Hallo Sari,
      ja, wir sind definitiv ein gut eingespieltes Team. In letzter Zeit holpert das zwar hier und da, aber wir arbeiten dran. Also ich. Ist halt auch nicht immer so entspannt, ne… kennst Du ja bestimmt auch.
      Bis hoffentlich bald mal wieder. :)
      LG J

      • Anonymous

        15 März

        Hallo Johnny,
        seit vielen Jahren ziehe ich meine Tochter und meinen Sohn alleine groß und wir sind zu einem richtig duften Team zusammen gewachsen. Weshalb ich aber schreibe: Als meine Tochter zweieinhalb war, durchlebte ich mit ihr gefühlt die erste Pubertätsphase, die ca 6 Wochen andauerte und zeigte, dass mein Kind einen ausgesprochen festen Charakter hat. Das konnte einem schier zur Verzweiflung treiben. Dann aber war es plötzlich wieder ruhig und die Kleine ganz friedlich. Mittlerweile sind wir bei Phase sieben angekommen und die Abstände haben sich verkürzt. Doch ließ die Heftigkeit von Phase zu Phase nach und die Einsichtsfähigkeit nahm in erstaunlichem Maße zu.
        Jetzt geben wir uns gegenseitig viel Luft zum Atmen und das hilft uns in solchen Zeiten, trotz dass es feste Regeln gibt. Letztlich wollte ich nur kurz sagen: „Kopf hoch und niemals den Mut verloren.“

  4. Anonymous

    9 Februar

    Hey, dein Text ging mir echt unter die Haut. Alles was du geschrieben hast, kann ich 1000% nachvollziehen. Allein erziehen ist oft hart. Einfach hart. Die Belastung, keine Ablösung zu haben, auch das allein sein etc. Es gibt keine wirklich brauchbaren Hilfen, wenn die Grossfamilie nicht zufällig nebendran wohnt. Gibt es nicht. Man muss sich dauernd überfordern. No way out. Aber: Meine Kinder sind ein paar Jahre älter und wir schon länger allein – deshalb kann ich dir sagen, dass es besser wird. Je grösser sie werden, desto mehr Bewegungsfreiheit gibt es. Irgendwann gehen sie allein von der Schule heim, können auch mal eine Zeit allein sein. Nur noch „kurz“, dann ist es bei dir auch so. Halt durch! Wir sind viele ;) man sieht uns nur nicht, weil wir keine Zeit haben für mehr Unterstützung zu kämpfen…

    • johnny

      11 Februar

      Hallo und vielen Dank für deine aufmunternden Worte.
      Ich bin mal gespannt wie das wird, wenn sie größer ist. Ist es dann wirklich so, dass man mehr Raum hat? Irgendwann sicherlich. Derzeit denke ich von Woche zu Woche.
      Liebe Grüße unbekannterweise sagt
      Johnny

  5. Laura

    9 Februar

    Danke für deine Ehrlichkeit. Ich bin in derselben Situation aber mit 2 Kleinkindern. Du hast so recht was alles angeht. Ich bewundere dich dass du als Mann diese Verantwortung übernimmst. Und ja nach den Wochenenden beim anderen Elternteil lassen meine beiden auch alles an mir aus wo denn auch sonst?! Sie haben ja nur uns als ihren emotionalen Halt.
    Weiterhin wünsche ich euch 2er Team alles Gute und Glück der Welt.

    • johnny

      11 Februar

      Hallo Laura, vielen lieben Dank!
      Allein mit zwei Kleinkindern ist natürlich auch eine andere Hausnummer als nur mit einem Kind. So stelle ich mir das zumindest vor. Ich wünsche dir viel Kraft :)
      Liebe Grüße,
      Johnny

  6. Nana

    9 Februar

    Ich bin nicht alleine und bin auch sehr sehr glücklich darüber, dass unsere Jungs Mama und Papa haben, auch wenn es hier und da natürlich auch Schwierigkeiten gibt! Aber wir sind zu Zweit, um das zu richten ! Ich ziehe meinen Hut vor Dir! Eigentlich vor jeden, der alleinerziehend ist, ob Mann oder Frau! Es ist ein Spagat zwischen Alltag und Freizeit, denn man ist eben ALLEIN!!!! Und dennoch meistert es das Elternteil, es muss ! Wie Du schon geschrieben hast : u.a. krank sein, geht nicht ! Und auch sonst sind kurze intime Pausen sehr rar! Und dann entspannt und dem Kind, hier Deiner Tochter, gerecht zu sein, ist sicher oft mehr als schwierig ! Aber so wie ich das in Deinem Blogg lese, macht Ihr Beide Eure Sache richtig gut! Es wird sicher irgendwann leichter für Euch! Ein sehr schöner Artikel, der anderen Eltern mutmachen sollte!

    • johnny

      11 Februar

      Hallo Nana,
      hab vielen Dank für deinen Kommentar. :)
      Dass es diese Artikel fast nicht gegeben hätte und er eigentlich aus drei unterschiedlichen Texten besteht, er aber trotzdem raus musste. Manchmal schon seltsam – umso erstaunter bin ich, dass er gelesen wird. Es freut mich aber sehr. Auch, dass er dir gefallen hat. Habt einen schönen Tag.
      Johnny

  7. […] berührt hat mich der Text von Johnny über sein Sein als alleinerziehender Vater. Ich kämpfe oft und habe mit meinen und den Gefühlen der Kinder zu tun. Ich hab mich ein bisschen […]

  8. Melisa

    9 Februar

    Danke,für diese ehrlichen Worte. 😊

    • johnny

      11 Februar

      Hallo Melisa,
      klar… irgendwer muss es ja mal sagen und Männer tun das viel zu selten (aus Gründen, weiß ich ja).
      LG J

  9. Miri

    10 Februar

    Ich kann deinen Text total nachvollziehen!! Bei mir sind es ein vierjähriger und ein Baby und die Trennung schon ganz zu Beginn der Schwangerschaft. Wir haben einen überstürzten Umzug und eine sehr anstrengende Zeit hinter uns. Grenzen werden jeden Tag neu definiert. Da ich zwei habe, bin ich etwas traurig, dass ich diese 1:1 Situation dem 4jährigen nie biete. Er lernt viel alleine zu machen. Wir schlafen zu dritt in einem Bett. Zur Zeit gibt es nur die Kinder. Aber es kommen auch wieder andere Zeiten. Kopf hoch!

  10. Rosi

    10 Februar

    Hey, zu 100% kann ich nachvollziehen was du geschrieben hast. Bin auch seit einem dreiviertel Jahr alleinerziehend mit einer 4-Jährigen. Wenns auch vorher nicht immer leicht war, wenn’s auch leichte und lustige Momente gibt, ist es eben auch so wie du beschrieben hast. Klingt blöd, aber ich hätte mir allein sein nicht so anstrengend vorgestellt. Aber gut, es geht weiter und ich hoffe/denke die leichteren Momente werden mehr. Viel Kraft dir weiterhin!

  11. Annika

    14 Februar

    Vielen Dank, dass ich deinen Bericht lesen durfte! Du hast das Alleinerziehend-Sein sehr schön beschrieben! Ob es besser wird, wenn die Kinder größer werden? Es wird anders ☺️ Vielen Dank!!!
    Liebe Grüße von der Couch 🛋 (gerade ohne Netflix 😂) Annika

    • johnny

      19 Februar

      Hallo Annika, so sehr ich mir wünsche, dass es vielleicht wirklich einfacher wird, glaube ich auch eher daran, dass es bloß anders wird. Nur das mit der Couch und Netflix, das wird hoffentlich immer so bleiben. ;) LG J

  12. mom-de-lux

    14 Februar

    Ja, genau so isses. Beschreibt das Leben und die Herausforderungen eines alleinerziehenden Elternteils sehr gut!

    Und wenn das Kind oder die Kinder aelter werden wird es nicht wirklich besser oder leichter.

    Ich wuensche Dir viel Kraft und Ausdauer und auch Glueck

    mom-de-lux

    • johnny

      19 Februar

      Hallo Christiane, vielen lieben Dank! Ich bin auf einen langen Marathon eingestellt. ;)
      Lieben Gruß, Johnny

  13. Matthias

    14 Februar

    Johnny, Du schreibst mir aus dem Herzen :)
    Meine Prinzessin ist zwar schon neun und wir sind seit 4 Jahren die kleinste Familie der Welt, aber Deine Erfahrungen und Lehren lassen mich zurückdenken und tief durchatmen. Danke und Alles Gute!

    • johnny

      19 Februar

      Hallo Matthias, vielen Dank für Deinen Kommentar. Und auch so einfach ein „Danke“.
      Sagt Johnny :)

  14. Gisela

    14 Februar

    Das Bild von Dir auf der Zwei-Quadratmeter-Erholungszone: Das kenne ich. Wenn es ein guter Tag ist, genügt das Smartphone, aber wehe, es ist ein schlechter..
    Mitte 2007, als ich, mit meinem zehn Monate alten, schlafenden Baby im Nebenzimmer, abends ganz allein in der neuen Wohnung saß, der Junihimmel noch um halb zehn hoch und weit, und ich wusste, da draußen ist das Leben: Alle sind da draußen und alles findet ohne mich statt. Ich hatte damals von Ende Mai bis Mitte August weder Telefon noch Internet oder TV, vom Smartphone ganz zu schweigen.
    Und am Himmel kreisten Mauersegler im Blau.

    Wenn ich heute an diesen Abend am Fenster denke, wie vollkommen isoliert ich lebte in meinem Babyknast (ja, so hab ich das genannt), dann krampft sich mir immer noch alles zusammen.

    Johnny, meine Tochter ist jetzt 11, der Vater war im Grund nie da und ist jetzt tot, und mittendrin fürchtete ich, verrückt zu werden vor Einsamkeit.

    Sei versichert: Es wird besser, es wird leichter, freier.
    Geschwor’n. Halte durch.
    Und wenn gar nix mehr geht, kommt uns an der Ostsee besuchen. :) Hier ist Strand und Wunderland!

    Eine warme Umarmung von der Kieler Förde
    Gisela

    • johnny

      19 Februar

      Hallo Gisela, hab‘ vielen Dank für Deinen sehr persönlichen Kommentar. Ohne natürlich die Umstände und Beziehungen zu kennen, tut mir leid, dass der Kindsvater tot ist. Ich hoffe, ich trete Dir damit nicht zu nahe. Ansonsten verzeih‘, bitte. So einen Trip an die Küste wünsche ich mir ja schon lange. Nicht, um der Stadt zu entkommen, sondern weil ich das Wasser einfach mag. Liebe Grüße zurück an die Förde,
      Johnny

  15. Majbritt

    14 Februar

    Es wird tatsächlich besser, einfacher, und dann auch weniger einsam. Versprochen! Ich bin seit drei Jahren alleine mit drei Kindern und einem Hund, ohne Netzwerk. Aber die Kinder werden älter. Irgendwann fangen sie an, im Haushalt zu helfen. Verständnis zu haben. Sehr lustige Sachen zu machen, die nicht nur rührend lustig sind, sondern wirklich komisch, so dass man sich wirklich auf Augenhöhe kaputtlachen kann. Auch mal alleine zu Hause sein zu können, wenn man mal schnell einkaufen geht. Der Stress wird mehr mit Schule, hundertprozentig. Aber die Freiheit kommt gleichzeitig zurück, in kleinen Schritten. Der Radius vergrößert sich. Man nimmt seine Mitmenschen wieder wahr, weil man auch Zeit für sie hat

    • johnny

      19 Februar

      Hallo Majbritt, herzlichen Dank für Deinen Einblick. Ich harre einfach der Dinge, die da kommen mögen. Mit Kind sollte man sich ja ohnehin zu schnell an einen Zustand gewöhnen, denn ehe man sich versieht, ist alles wieder anders. Ich kann mir kaum vorstellen, wie das mit drei Kindern sein muss. Davor habe ich großen Respekt.
      Ich wünsche Dir einen schönen Wochenstart,
      J.

  16. Isa

    15 Februar

    Danke für deine offenen Worte, das finde ich sehr mutig!

    • johnny

      19 Februar

      Ehrlich gesagt fühlte es sich gar nicht so mutig an. Auch jetzt noch nicht. Auch, weil es so viel mehr gibt, was eben nicht in dem Artikel steht, was ich nicht geteilt habe. Oh, aber trotzdem Danke :)
      LG J.

  17. Stefan

    15 Februar

    Hi Johnny!
    Ich bin selbst auch alleinerziehender Vater und kann vieles gut nachvollziehen. Meine Kids sind 16 und 6. Ist nicht immer leicht, aber wir packen den Alltag recht gut.
    Ich wünsch Dir alles Gute und viel Kraft.
    Liebe Grüße,

    Stefan

    • johnny

      19 Februar

      Hi Stefan,
      vielen Dank für Deine Wünsche. Das Kraftpaket nehme ich auch gleich mal mit.
      Ich schätze, mit zwei Kindern ist das alles nochmal sehr viel fordernder, nicht nur physisch.
      Einen entspannten Tag wünsche ich Dir.
      J

  18. Chris

    15 Februar

    Holá!
    Du bist ein guter Typ denke ich. Ich freu mich? dass Du uns allein erziehenden Papas eine Stimme und ein Gesicht gibst.
    Deine Worte, sie könnten 1:1 von mir stammen… Die Wut, Traurigkeit und Erschöpfung… Aber vor allem auch die unendliche Liebe und das Zusammenhalten.
    Meine Tochter und ich sind nun mittlerweile auch seit 4 Jahren alleine (allerdings mit Oma und Opa in der Nähe)… Vollzeit arbeiten wäre ansonsten nicht schaffbar…
    Es wird wirklich entspannter wenn die Dame älter wird. Meine Tochter ist mittlerweile 9 Jahre alt und wir funktionieren wirklich gut als Team… auch wenn wir uns oft anzicken, denn das, das wird nicht besser… allerhöchstens anders… aber es ist okay, denn das gehört halt dazu wenn man Mama und Papa in einer Person sein darf bzw sein muss.
    Ich musste lernen mir Freiräume zu gönnen und mich dann auch zu entspannen… man kann sonst nämlich kein guter Vater sein, denn die Anspannung frißt sich sonst in Dein Gemüt… mittlerweile funktioniert das auch ganz gut und meine Tochter akzeptiert es auch, dass Papa auch mal ne Auszeit braucht… Ich könnt hier noch nen halben Roman abliefern über den Alltag, die Blicke von Chefs und Kollegen oder Beamten… aber hey, die sind die Zeilen nicht wert… Lieber schreibe ich, dass alles irgendwann wieder okay oder sogar gut werden wird… In der kleinsten und gleichzeitig großartigsten Familie der Welt…

    • johnny

      19 Februar

      Hallo Chris, herzlichen Dank für persönlichen Beitrag hier. Ich weiß das zu schätzen. Mich würde allerdings wirklich interessieren, was Du so als Alleinerziehender erfahren hast. Über die Freiräume und natürlich, wie das Umfeld reagiert hat. Ich als Selbständiger kenne zumindest die Reaktionen der Arbeitswelt überhaupt nicht. Ich würde mich freuen.
      Liebe Gruß, Johnny

  19. Sindy Hoppe

    16 Februar

    Hallo Johnny,
    ich habe Deinen Text durch Zufall bei FB gefunden und ihn gelesen, weil ich wissen wollte, wie es einem Mann in der gleichen Situation (ohne Familie und ohne Plan B) geht. Ich muss sagen, Du sprichst mir mit Deinem Text aus der Seele. Das Leben allein mit Kind ist manchmal ein Drahtseilakt, ganz besonders wenn man selbst mal krank ist und Ruhe brauchen könnte. Ich bin nun seit fast vier Jahren alleinerziehend und es bringt mich oft an meine Belastungsgrenze und noch öfter darüber hinaus. Leider habe ich meinen Weg noch nicht gefunden, um für mich zu entspannen, denn auch meine Kompfortzone ist die Couch, wenn mein Sohn bei Papa ist. Ich merke, wie Du es auch beschreibst, dass mein Sohn seine Grenzen an mir austestet, mein inneres Kind immer wieder anstachelt. Ich hoffe einfach darauf, dass er schnell größer wird, gerade so, dass er ein Verständnis dafür entwickelt über Probleme und Gefühle zu reden, statt mich mit Sätzen, wie ich möchte jetzt zu meinem Papa oder der Papa ruft an oder Mama warum hast du keinen Freund an die Grenzen meiner seelischen Gesundheit bringt. Manchmal weiß ich nicht weiter, weil ich alles für mein Kind mache, er seit vier Jahren mein Mittelpunkt ist und ich mich immer schrecklich fühle, wenn ich daran denke, dass er ohne klassische Familie aufwächst. Danke für Deinen Text. Leider bin ich nicht bei Insta, sonst würde ich Dir folgen. VG Sindy

    • johnny

      19 Februar

      Hallo Sindy, vorweg ein ganz persönliches „Danke“ für Deinen Kommentar. In vielem, was Du schreibst, finde ich mich selbst auch wieder. Besonders dieses Ausgespieltwerden. Und manchen wir uns nichts vor: ich habe mich auch ein anderes Aufwachsen für meine Tochter gewünscht.
      Ich habe gelernt, dass es manchmal einfacher ist zu entspannen, wenn man den richtigen Gegenüber hat. Freunde, Partner in crime, andere Alleinerziehende. Doch um die zu finden und zu haben, braucht man natürlich Zeit – da beißt die Maus keinen Faden ab. Ich wünsche Dir ganz viel Ruhe und Kraft. meld Dich, es Dir zu viel wird. :)
      Johnny

  20. Sandi

    20 Februar

    Hi, ihr sprecht mir aus der Seele, ja es ist sehr (an)spannend alleinerziehend zu sein!!!
    Ich muss leider auch feststellen, Menschen die einem helfen wollten, fallen urplötzlich weg, keiner mehr da, der mal kurz zuhört oder dein quirliger Wirbelwind zum spielen abholt.
    Aber egal wie anstrengend alles auch sein mag, ich liebe meinen Wirbelwind über alles und er ist gesund:) dafür bin ich sehr dankbar.

  21. Jessika

    20 Februar

    Hey, ich war selbst viel zu sehr mit dem Leben beschäftigt, dass ich das erst jetzt alles lese und mitbekomme. Scheiße. Es gibt gar keine aufmunternden Worte. Es bedrückt mich, das zu lesen. Und immer wieder aus der Perspektive eines Einzelkindes, das mit einer alleinerziehenden Mama aufgewachsen ist. Ich bewundere dich, auch wenn es an dem Zustand des Alleinerziehendseins nichts zu bewundern gibt. Lass dich nicht unterkriegen, hörst du?! Ich hoffe, wir sehen uns bald mal wieder!

    Bis dahin: Haltet die Hasenohren steif! <3

    • johnny

      26 Februar

      Hi Jessika, wir haben uns schon so lange nicht mehr gesehen! Ich weiß gar nicht so recht, was ich antworten soll. Ja, es ist scheiße und es tut gut, dass manchmal auch genauso so sagen zu können. Aber es ist auch sehr viel Schönes, was gerade passiert. Ohrenhasen steifgehalten! <3 Bis ganz bald und pass auch gut auf, ja. J

  22. […] an seinen Gedanken über zweisprachige Erziehung teilhaben lassen. Auf Facebook habe ich einen sehr berührenden Text von Johnnys Papablog verlinkt. Heute berichtet Ingo über die unerwartete „Fernerziehung“ seiner […]

  23. Sarah Böhnke

    27 Februar

    Super!
    Es ist einfach ein Tanz …. Wie wir ihn Tanzen…. dürfen wir selbst entscheiden.
    Ich mache es mit Leidenschaft und Liebe… manchmal mit einem lächelnden und einen weinenden Auge….
    In der Rolle angekommen…. Sarah mit janosch 6 Jahre…. 4 davon sind wir alleine .
    Mach weiter super Blog!!!!

  24. Markus

    28 Februar

    Hey Johnny,

    ich danke Dir sehr für Deine Worte. Und unterschreib jedes einzelne so wie von Dir geschrieben. Ich bin seit acht einhalb Jahren mit meiner Lütten allein. Von Geburt an. Ich hatte ähnliche Momente wie von dir beschrieben. Mir hat immer eine einzige Sache immer wieder auf die Beine geholfen. Die ehrliche und unverfälschte Liebe meiner Tochter zu mir und meine Liebe zu ihr. Ich hätte nie für möglich gehalten, was Liebe und in der Konstellation gepaart mit einem tiefen Urinstinkt für Kraftreserven freisetzt. Die Momente der Einsamkeit gibt es. Aber in der gemeinsamen Zeit mit meiner Lütten und auch Rückblickend auf unsere gemeinsame Zeit bemerke ich, wie reich beschenkt ich bin. Und mir fehlt es für eine Zeit an nichts. ;-)

  25. Thomas Bühler

    1 März

    Zu dem Artikel in der Zeit/Online
    Ich mache das als Alleinerziehnder mit zwei Kindern seit 11 Jahren ohne Familienbackup. Über Jahre dann auch mit einer 90% Stelle. Schön wäre es gewesen auch noch aufzuzeigen was den von außen so kommt. Das unterscheidet sich nach Rücksprache mit alleinerziehenden Frauen doch deutlich von deren Wahrnehmung. Das Dasein als männlicher Exot ist nicht immer hilfreich. So wurde mir Erziehungsbeihilfe , die einer Kollegin (gleicher Verdienst, gleiche Situation und Zeit, allerdings Kindsvater vor Ort) verweigert (ist nicht einklagbar).
    Dass alle Alleinerziehenden Gefahr laufen im roten Bereich der Belastung zu laufen, ist meiner Meinung nach eher eine Binsenwahrheit.

  26. […] eher von Frauen für Frauen gedacht und so wurde ich aufmerksam auf einen Artikel über einen alleinerziehenden Vater und seinen Schwierigkeiten im Alltag. Ich fühlte mich sofort angesprochen, denn obwohl ich einen Partner habe, sage ich immer […]

  27. […] eher von Frauen für Frauen gedacht und so wurde ich aufmerksam auf einen Artikel über einen allein erziehenden Vater und seinen Schwierigkeiten im Alltag. Ich fühlte mich sofort angesprochen, denn obwohl ich einen Partner habe, sage ich immer […]

  28. Katharina

    19 März

    Wunderbar geschrieben. Einfach zum Mitfühlen und Nachdenken, ob es einem nicht ganz genauso ergeht..

    Liebe Grüße aus dem Wohnzimmer einer entspannten (um die Uhrzeit) Alleinerziehenden von 3,5 und 2 ;)

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